Erster “Decoding Antisemitism”-Report: Warum das Ausmaß an Antisemitismus im Netz höher sein könnte als bisher angenommen


Wortspiele mit „Israel“, Schlangen-Emojis und Geld-Metaphern: Antisemitismus und Verschwörungsideologien im Netz sind vielfältiger als offenkundige Beleidigungen oder Drohungen. Darum analysiert das von der Alfred Landecker Foundation geförderte Projekt „Decoding Antisemitism“ auch implizite Codes, Anspielungen und Bilder, um antisemitische Verunglimpfungen zu erfassen. Der erste Diskursreport zeigt: Nur so kann das gesamte Ausmaß an Antisemitismus im Netz aufgedeckt werden.

Das Ziel des Projekts „Decoding Antisemitism“ ist es, nicht nur expliziten Antisemitismus zu erfassen, sondern auch indirekte Diffamierungen zunächst qualitativ zu dechiffrieren. Im Anschluss soll mithilfe von Machine Learning ein Algorithmus lernen, antisemitische Codes zu erkennen. Als „Futter“ dienen unter anderem die Ergebnisse der Detailanalysen aus dem ersten Diskursreport des Projekts.

In dem Diskursreport untersuchten Forscherteams der Technischen Universität Berlin und des King‘s College London Reaktionen im Internet zur Berichterstattung von britischen und deutschen Mainstream-Medien zu den drei folgenden Themen:

  • Interviews mit dem jüdischen Milliardär, Investor und Philanthropen George Soros
  • Die Veröffentlichung des EHRC (Equality and Human Rights Commission)-Reports zu Antisemitismus in der britischen Labour-Partei
  • Berichte zu den Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie

Die Wissenschaftler:innen analysierten dabei vorrangig Debatten auf den Facebook-Profilen von den britischen Medien „Daily Mail“, „The Guardian“ und „The Independent“. Bei den Berichten zur Covid-19-Pandemie lag der Fokus auf Debatten auf Facebook-Profilen deutschsprachiger Medien.

Ausmaß an Antisemitismus im Netz ist höher, als Schlagwortanalysen vermuten lassen

Decoding Antisemitism

Das gefundene Ausmaß an Antisemitismus in den Online-Kommentaren überraschte sogar das Team der Forscher:innen. „Die Suche nach antisemitischem Vokabular deutete zunächst darauf hin, dass in den Kommentaren kaum Antisemitismus vorhanden war“, sagt Dr. Matthias J. Becker, Leiter des Projekts von der Technischen Universität Berlin. „Erst die Analyse der Kommentare unter Bezugnahme auf Metaphern, Icons und Anspielungen machte das Ausmaß sichtbar und zeigte das breite Spektrum an impliziten antisemitischen Äußerungen.“

  • 15,2 Prozent der insgesamt 1.244 untersuchten Online-Kommentare auf den Facebook-Profilen von „Daily Mail”, „The Guardian” und „The Independent” zur Berichterstattung über Soros waren antisemitisch
  • Dieser Wert unterschied sich für „The Guardian“ und „The Independent“ (15,0 Prozent) und „Daily Mail“ (15,4 Prozent) kaum
  • Bei den neun untersuchten Facebook-Threads zum EHRC-Report mit insgesamt 1.272 Kommentaren lag der Anteil sogar bei 17,2 Prozent antisemitischer Kommentare

Die Alfred Landecker Foundation setzt das dreijährige Projekt „Decoding Antisemitism“ zusammen mit dem Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin und dem King‘s College London um. Der nächste Diskursreport mit den Ergebnissen erster kontrastiver Analysen erscheint im August 2021.

Den vollständigen ersten Diskursreport können Sie hier herunterladen.

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