Strategien gegen den Antisemitismus. Ein Blick in die Zukunft des wirkungsvollen Förderns


Die Studien, die im Rahmen der Tagung Antisemitismusstudien und ihre pädagogischen Konsequenzen – Impulse zur Veränderung der deutschen Bildungslandschaft vom 04. bis 06.09.2019 in Frankfurt am Main auf Einladung des Zentralrats der Juden in Deutschland diskutiert wurden, liefern wichtige Beiträge zur Forschungs- und Praxislandschaft. Sie zeigen uns Trends und Tendenzen auf und geben der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) die Möglichkeit, Impulse aufzunehmen und unsere Ausrichtung zu schärfen. Wir wollen wirksamer sein in unserer Arbeit und nachhaltig in unserem Engagement. Wenn sich Trends verändern und Phänomene verschieben, müssen auch wir als Stiftung flexibel reagieren, gewohnte Pfade zuweilen verlassen, Neues ausprobieren.

Deshalb ist es erfreulich, dass sich eine Vielzahl von Studien mit unterschiedlichen Ansätzen, Zielstellungen und Ergebnissen mit dem Phänomen beschäftigt. Und gerade die oftmals sehr kontroverse Debatte über diese Studien trägt dazu bei, die Auseinandersetzung zu vertiefen und verschiedene Akteure zusammenzuführen.

Besucher des Denkmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin
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Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ): MEMO Deutschland – Multidimensionaler Erinnerungsmonitor, online unter: https://www.stiftung-evz.de/service/publikationen/studien.html [14.12.2019].

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Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ): MEMO Deutschland – Multidimensionaler Erinnerungsmonitor, online unter: https://www.stiftung-evz.de/service/publikationen/studien.html [14.12.2019].

Erinnerungskultur in Deutschland

Gemeinsam mit einem Team um Andreas Zick vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld führten wir 2017/2018 erstmals eine repräsentative Umfrage zum Status der Erinnerungskultur in Deutschland1 durch: „MEMO Deutschland – ein Multidimensionaler Erinnerungsmonitor“ . Wir freuen uns, im Frühjahr 2020 bereits die dritte Auflage herausgeben zu dürfen.

Waren Vorfahren von Ihnen unter den Opfern des Nationalsozialismus?

Diese Frage haben wir den Deutschen in unserer Studie gestellt. Und: Knapp 36 Prozent bejahen dies. Ihre Familie gehört also – so die Familienerzählung – zu den Opfern. Warum? 18,5 Prozent meinen dies, weil Familienangehörige Opfer von Bombenangriffen geworden waren. Und 17,5 Prozent der Familien zählen sich zu den Angehörigen von Geflüchteten oder Vertriebenen. Nur 8 Prozent geben an, dass Familienangehörige zu einer Verfolgtengruppe gehörten.

Haben Vorfahren von Ihnen während der Zeit des Nationalsozialismus potentiellen Opfern geholfen?

Diese Frage beantworten mehr als ein Viertel aller Deutschen, 28,7 Prozent, mit Ja.

Die genannten Zahlen verdeutlichen die Anfälligkeit von Familiennarrativen für Tendenzen der Umdeutung, vielleicht, weil man sich selbst gern als Nachfolgerin oder Nachfolger einer ‚guten Familienbiografie‘ verortet, weil man selbst von sich sagen möchte, dass die eigene Familie stets gewissenhaft und werteorientiert handelte. Und auch, weil das Sprechen über TäterInnenschaft in der Familie zumeist noch immer ein Tabu ist. Luisa Maria Schweizer sprach in Frankfurt daher auch über die Verantwortung, besonders der dritten Nachkriegsgeneration, dieses Schweigen aufzubrechen – auch wenn es schmerzhaft ist, auch wenn Familienbande Gefahr laufen extrem belastet zu werden. Gerade die jüngeren Befragten der MEMO-Studie äußerten den Wunsch nach reflektierter Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen Vorfahren.

Warum hat es so wenig Widerstand in dieser Zeit gegeben? Wir haben gefragt: Was würden Sie sagen, warum haben Menschen damals nichts gegen die systematische Ermordung von Menschen getan? – Sie hatten Angst vor einer Bestrafung oder Verfolgung durch das NS-Regime. Das meinen 95,4 Prozent der Befragten.

Nach Aussage der Befragung waren die Deutschen in der Zeit von 1933 bis 1945 ein Volk von Opfern und Helferinnen und Helfern. Nur die wenigsten Deutschen hatten, so die Ergebnisse der Umfrage, offenbar etwas mit den nationalsozialistischen Verbrechen zu tun. So jedenfalls wird in den meisten deutschen Familien heute die Geschichte des Nationalsozialismus privat tradiert. Und: Die meisten Deutschen konnten sich nicht widersetzen, da sie in Furcht vor Repression und Lagerhaft durch die Nazis lebten. Auch das meint heute die große Mehrheit der Deutschen.

Wir wissen, dass 95 Prozent nicht aus Furcht vor Verfolgung geschwiegen haben, sondern die meisten haben mitgemacht, haben es zugelassen, als Täterinnen und Täter, als Zuschauende. Es war eine Gesellschaft der Vielen, angeblich Höherwertigen, die den Anderen, angeblich Minderwertigen, alle Rechte nahmen. Ausgrenzung und Gewalt waren in der nationalsozialistischen Gesellschaft Normalität, keine Ausnahme. Sich dies zu vergegenwärtigen, lehrt uns die Optionen menschlichen Handelns – sie bestehen weiterhin.

Die Herausforderung ist heute, diese historische Erfahrung relevant für die Gegenwart, für den eigenen Lebensalltag, für politisches und gesellschaftliches Handeln zu machen.

Demonstration von Rechtsextremen in Chemnitz

Populismus und das Wiederaufleben des Nationalismus in Europa

75 Jahre nach der Befreiung, nach vielfältigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Formen des Gedenkens, nach der Etablierung einer Erinnerungskultur mit lokalen, regionalen und internationalen Gedenkstätten, schulischen und außerschulischen Bildungsprogrammen, umfangreichen Forschungsprojekten, politischen und gesellschaftlichen Debatten um Entschädigung der vielen Opfergruppen erleben wir die Wiederkehr von Narrativen der 1950er Jahre. Mehr noch, Populismus, Nationalismus, Ausgrenzung, Antisemitismus und Rassismus erleben eine nicht für möglich gehaltene Renaissance in Deutschland.

Vor zehn Jahren wäre es noch undenkbar gewesen, dass ein Vertreter der größten Oppositionsfraktion im Deutschen Bundestag den Nationalsozialismus als Vogelschiss in der deutschen Geschichte bezeichnet. Undenkbar auch ein Spitzenkandidat im Bundesland Thüringen mit Aussicht auf massiven Wählerzuspruch, wie Björn Höcke von der AfD, der von einem Denkmal der Schande spricht, wenn die Erinnerung an die ermordeten Jüdinnen und Juden Europas im Zentrum Berlins zur Sprache kommt. Ein weiterer Spitzenkandidat – Andreas Kalbitz von der AfD in Brandenburg – hat seine halbe (politische) Biografie im rechtsextremen Milieu verbracht – seine Partei wird zur zweit- stärksten Kraft im Landtag. Der Bundesvorsitzende der AfD, die mit 91 Abgeordneten im Deutschen Bundestag vertreten ist, warnt vor einem Bevölkerungsaustausch durch Einwanderung. Er nutzt einen rechtsextremen Kampfbegriff, er ist Teil einer Verschwö- rungstheorie, die an klassische antisemitische Stereotypen anknüpft. Der Christchurch- Attentäter berief sich darauf genauso wie der Attentäter von Halle.

Innerhalb der Stiftung bewegt uns sehr, wie die Normalisierung von anti-demokratischen und auch antisemitischen Positionen inzwischen in Deutschland – und in vielen Teilen Europas und der Welt – Raum greift. Wir haben in den vergangenen Monaten intensiv über die Reaktion darauf und über die strategische Ausrichtung der Förderprogramme der Stiftung nachgedacht. Auch die Studien zu Antisemitismus sind uns dabei wichtige Ressourcen.

Für uns ergeben sich daraus vier Folgerungen für die Weiterentwicklung unserer Förderaktivitäten:

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Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ (EVZ). Abrufbar unter: www.stiftung-evz.de (17.01.2020)

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Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ (EVZ). Abrufbar unter: www.stiftung-evz.de (17.01.2020)

Zurück zur Lokalität

Die Geschichte und Geschichten aus der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Europa erfahrbar zu machen, kann dann gelingen, wenn wir den Bezug zur Normalität des Alltagslebens herstellen. Damals ließen es scheinbar Unbeteiligte zu, dass Nachbarinnen und Nachbarn aus dem Sportverein ausgeschlossen wurden, in dem man heute trainiert. Die Schulen, die unsere Kinder heute besuchen, sind die, die damals jüdische Schulkinder ausschlossen. Durch die Straßen, durch die wir heute gehen, wurden Familien zu den Zügen in die Vernichtungslager getrieben. Es sind die kleinen Schritte, die Verschiebung der Normalität, die die Verbrechen erst ermöglicht haben – vor aller Augen. Und viele, ja, die Mehrheit, hat diese Verschiebung von Normalität nicht nur mitgemacht, sondern auch gutgeheißen. Wir entwickeln daher für das Frühjahr 2020 ein neues Förderprogramm local history. Die Stiftung erhält verstärkt Anfragen von lokalen Initiativen, die sich mit der Erinnerung an verschiedene verfolgte Gruppen in ihrer direkten Umgebung beschäftigen. Eine entsprechende Ausschreibung wird im Frühjahr 2020 auf der Website der Stiftung2 EVZ2 veröffentlicht.

Aufhebung der Trennung zwischen analoger und digitaler Welt

Auch eine Beobachtung aus Frankfurt: Die Mehrheit spricht noch immer entweder davon, was im analogen Raum passiert, oder eben über Antisemitismus im Netz. Wir glauben nicht an diese Trennung und sind davon überzeugt, dass wirkungsvolle Counterstrategien nur in einem ganzheitlichen Ansatz Kraft entfalten. Es gibt kaum mehr antisemitische Taten, die nicht auch digitale Aspekte innehaben. Und sei es nur die Tatsache, dass der Hass, den man auf der Straße äußert, vom Lesen verschwörungstheoretischer Texte im Netz kommt, oder dass das morgendliche Mobbing in der Schule nachmittags online fortgeführt wird.

Historisch-politische Bildungsarbeit muss auf diese Herausforderungen entsprechend reagieren. Die Stiftung EVZ ermöglicht beispielsweise durch das Programm digital//memory die Erprobung digitaler Formate in der historisch-politischen Bildung. Gefördert werden Projekte, die Lern- und Kommunikationswelten der modernen Informationsgesellschaft nutzen und durch ihre Wirkung das demokratische Gemeinwesen stärken. Die Projekte sind Teil der Entwicklung einer Erinnerungskultur 4.0, der Kombination digitaler Methoden mit der Authentizität von Orten und historischen Erfahrungen.

Netzwerke stärken

Am Beispiel des Attentats von Halle – aber auch der Attentate von Pittsburgh und Christchurch – wird deutlich, welche enormen Dynamiken neue Formen der Kommunikation bei Meinungsbildung und -lenkung, bei Vernetzung, Radikalisierung und Eskalation haben. Der Täter von Halle war kein Einzeltäter. Er war Teil eines Netzwerks internationaler Antisemitinnen und Antisemiten und Rassistinnen und Rassisten, das er über sein Vorhaben und seine Motivation informierte und das sein Attentat über seine Helmkamera online in Echtzeit mitverfolgen konnte. Die weltweite Renaissance von Populismus, Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung wird getragen und befördert von internationalen Netzwerken. Dem müssen wir uns entschieden entgegenstellen, und das geht nur gemeinsam, in engem Zusammenschluss zwischen Zivilgesellschaft, Politik und Digitalwirtschaft.

Neue Formate

Als Stiftung wollen und müssen wir multiperspektivisch, methodisch vielfältig und innovativ sein, und mutig im Ausprobieren neuer Formate. Wir sind, auch in Reaktion auf die vielfältigen Ergebnisse unserer MEMO-Studien, davon überzeugt, dass zeitgemäßes Erinnern nach ganz unterschiedlichen Formen der Vermittlung verlangt. Innerhalb der Stiftung haben wir den Think- and-Do-Tank EVZ Expanded gegründet, der neue Methoden und zukunftsorientierte Förderformate entwickelt und erprobt.

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USC Shoah Foundation: Dimensions in Testimony, online unter: https://sfi.usc.edu/dit [14.12.2019] sowie Ludwig- Maximilians-Universität München: Lernen mit digitalen Zeitzeugnissen, online unter: https://www.lediz.uni- muenchen.de/aktuelles/index.html [14.12.2019].

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USC Shoah Foundation: Dimensions in Testimony, online unter: https://sfi.usc.edu/dit [14.12.2019] sowie Ludwig- Maximilians-Universität München: Lernen mit digitalen Zeitzeugnissen, online unter: https://www.lediz.uni- muenchen.de/aktuelles/index.html [14.12.2019].

In Frankfurt sprachen wir zum Beispiel über die Erstellung interaktiver Zeitzeugnisse von Überlebenden des Holocaust, die wir derzeit gemeinsam mit Kooperationspartner:innen3 entwickeln bzw. fördern. Dabei beantworten Überlebende des Holocausts vor laufenden Kameras einen umfassenden Fragenkatalog zu ihrem Leben. Dieses Filmmaterial wird technisch so aufbereitet, dass den Projektionen der Überlebenden Fragen zur Lebensgeschichte vor, während und nach dem Holocaust gestellt werden können. Die Gesprächssituation mit dem Publikum ist dabei erstaunlich realistisch.

Durch den Dialog mit den interaktiven Zeugnissen, die in der historischen Bildung in Museen, Gedenkstätten oder Schulen und Ausbildung verankert werden können, ermöglichen wir einen neuen Zugang und Umgang mit Zeitzeugnissen. Wir verstehen dieses Vorhaben auch als einen Beitrag dazu, neue Potenziale in zeitgemäßer Erinnerungsarbeit zu debattieren und zu entwickeln.

Die Bedrohung, der sich Jüdinnen und Juden in Deutschland 75 Jahre nach der Befreiung ausgesetzt sehen, zeigen zahlreiche der in Frankfurt vorgestellten Studien. Die Stiftung EVZ wird weiterhin konsequent sämtliche Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit bekämpfen und hoffentlich einen kleinen Teil dazu beitragen, demokratische Räume zurückzuerobern und Antisemitinnen und Antisemiten, Rassistinnen und Rassisten den Wirkungsraum zu schmälern.

Der Name unserer Stiftung ist dabei Programm: In Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus übernehmen wir Verantwortung und gestalten die Zukunft. Ziel der Stiftung ist es, eine lebendige Erinnerungskultur mit innovativen Formen und frischen Ansätzen zu etablieren.


Autoren

Andreas Eberhardt

Founding Director and CEO

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Luisa Maria Schweizer

Program Director

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