„Nach so viel Schmerz und Pein“
Erste Briefe nach dem Holocaust


Die ersten Briefe von Überlebenden nach dem Holocaust erzählen von Verlust und Trauer, von der Suche nach Angehörigen und von ersten Versuchen, wieder ein Leben aufzubauen. Mit der deutschen Ausgabe von „Nach so viel Schmerz und Pein – Erste Briefe nach dem Holocaust“ werden diese unmittelbaren Zeugnisse jetzt einem breiten Publikum zugänglich. Das Buch wird veröffentlicht von der internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Kooperation mit dem Herder Verlag und mit Unterstützung des Freundeskreises Yad Vashem sowie der Alfred Landecker Foundation.

Am 14. September 2026 erscheint im Herder Verlag erstmals die deutsche Übersetzung von „After So Much Pain and Anguish: First Letters after Liberation“. Herausgegeben von Dr. Robert Rozett und Dr. Iael Nidam-Orvieto, versammelt der Band Briefe jüdischer Holocaust-Überlebender, die in der Zeit unmittelbar nach ihrer Befreiung entstanden. Die Alfred Landecker Foundation unterstützt die Veröffentlichung des Buches.

Was die Überlebenden selbst für wichtig hielten

Die Briefe unterscheiden sich grundlegend von vielen später entstandenen Erinnerungsberichten. Sie wurden nicht mit jahrzehntelangem Abstand geschrieben und entstanden nicht als Antwort auf die Fragen von Historikern oder in Interviews. Häufig waren es die ersten Nachrichten, die Überlebende nach der Befreiung an Angehörige, Freunde und Bekannte richteten.

Gerade darin liegt ihre besondere Bedeutung: Die Verfasser entschieden selbst, was sie in diesem Moment mitteilen wollten. Sie schrieben über das, was ihnen unmittelbar wichtig war: über das eigene Überleben, über ermordete Familienangehörige, über die Suche nach Menschen, deren Schicksal noch unbekannt war, und über die Frage, wie es weitergehen konnte. 

Die Briefe entstanden in unterschiedlichen Ländern und in Russisch, Deutsch, Französisch, Ungarisch, Hebräisch, Jiddisch, Slowakisch, Niederländisch und Polnisch. Sie dokumentieren damit auch die geografische, sprachliche und kulturelle Vielfalt jüdischer Erfahrungen während und nach dem Holocaust. 

Befreiung war kein eindeutiger Moment

Die Dokumente machen deutlich, dass sich „Befreiung“ nicht auf einen einzelnen Moment reduzieren lässt. Für viele Überlebende begann mit dem Ende der Verfolgung zugleich die Konfrontation mit dem Ausmaß des Verlusts. Angehörige mussten gesucht, Todesnachrichten überbracht, Familien wieder zusammengeführt und neue Lebensperspektiven gefunden werden.

Iael Nidam-Orvieto beschreibt als ein wiederkehrendes Motiv der Briefe das Bedürfnis zu verstehen, was geschehen war, zu trauern und zugleich erste Schritte zurück ins Leben zu gehen. Mitten in Berichten über Verfolgung und Verlust finden sich deshalb auch Fragen nach Familienmitgliedern, Zukunftsplänen oder dem Wiederaufbau des eigenen Lebens. 

Auch die Erfahrungen nach der Rückkehr waren keineswegs einheitlich. Prof. Dan Michman berichtet beispielsweise von Briefen seiner Mutter, die nach der Befreiung in die Niederlande zurückkehrte. Darin schilderte sie nicht nur die Suche nach ihrem versteckten Sohn und die schwierige Wiedervereinigung der Familie, sondern auch Erfahrungen bei ihrer Rückkehr nach Amsterdam. Für Michman zeigen solche Dokumente, wie historische Entwicklungen auf der Ebene einzelner Familien konkret erfahrbar werden. 

Persönliche Zeugnisse historisch einordnen

Die Herausgeber wollten die Briefe jedoch bewusst nicht für sich allein stehen lassen. Jedes Dokument wird durch historische Kontextualisierungen ergänzt, die den biografischen, geografischen und zeithistorischen Zusammenhang erschließen. So entsteht aus den einzelnen Briefen ein vielstimmiges Bild. Die Sammlung zeigt Überlebende mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen – darunter Menschen, die Konzentrationslager überlebten, als Partisanen und Partisaninnen kämpften oder sich im Untergrund versteckten. Sie macht damit sichtbar, dass es weder die eine Erfahrung des Holocaust noch die eine Erfahrung der Befreiung gab. 

Erinnerung durch konkrete Stimmen

Die Alfred Landecker Foundation fördert die deutsche Ausgabe, weil diese Dokumente Geschichte nicht abstrakt vermitteln, sondern durch die Stimmen einzelner Menschen zugänglich machen.

„Jeder erste Brief in diesem Band beginnt mit der Hoffnung auf eine Antwort. Achtzig Jahre später sind wir zu den Adressaten dieser Worte geworden. Die Briefe zeigen die Vielfalt jüdischer Erfahrungen nach der Befreiung – und die unterschiedlichen Wege zurück ins Leben. Wir fördern dieses Projekt, weil es Geschichte durch einzelne Stimmen erfahrbar macht und diese Stimmen auch kommende Generationen erreichen sollen“, sagt Lena Altman, CEO der Alfred Landecker Foundation. 

Kai Diekmann, Vorsitzender des Freundeskreis Yad Vashem e.V., erklärt: „Diese Briefe sind Vermächtnisse – erste Stimmen aus dem Moment zwischen Hölle und Hoffnung. In einer Zeit, in der die Zahl der Zeitzeugen schwindet, wird ihre Veröffentlichung in deutscher Sprache eine Mahnung der Vergangenheit. Sie zeigen uns: Befreiung repräsentiert den Anfang einer neuen, oft unermesslich schweren Lebensgeschichte. Diese direkten Zeugnisse sind ein Wissensschatz, den wir bewahren müssen."

Mit der deutschen Übersetzung werden diese Zeugnisse nun einem breiteren deutschsprachigen Publikum zugänglich. Sie tragen dazu bei, die Erinnerung an den Holocaust an konkreten Biografien und individuellen Erfahrungen festzumachen – und die Vielschichtigkeit dessen sichtbar zu halten, was „Befreiung“ für die Überlebenden bedeutete.

Nach so viel Schmerz und Pein – Erste Briefe nach dem Holocaust

Herausgegeben von Dr. Robert Rozett und Dr. Iael Nidam-Orvieto
Verlag Herder
Erscheinungstermin: 14. September 2026
352 Seiten
ISBN 978-3-451-03745-0

Zum Buch

Unsere Themen

An den Holocaust erinnern

Antisemitismus bekämpfen

Demokratie stärken

Auf Bluesky teilen
Per E-Mail teilen
Share-mail
Link kopieren
Link kopiert
Copy link
Zurück
back arrow