Im Deutschen Kaiserreich stießen neue künstlerische Strömungen wie der Impressionismus oder Expressionismus lange auf Ablehnung. Es waren vor allem jüdische Kunstsammlerinnen und -sammler, die diesen Stilrichtungen um die Wende des 20. Jahrhunderts mit Offenheit begegneten und deren späteren Erfolg den Weg ebneten. Sie erkannten früh das Potenzial, bauten bedeutende Sammlungen auf und unterstützten Künstler, die heute zu den prägenden Figuren der Moderne zählen – darunter Paul Cézanne, Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc oder Georges Braque.
Kunst und Verfolgung
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich die Lebenssituation jüdischer Sammlerinnen und Sammler radikal. Was mit Ausgrenzung begann, mündete schließlich in systematischem Ausschluss aus dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben. Die Kunstsammlungen wurden mit Sondersteuern belegt und schließlich vereinnahmt, die Kunstwerke beschlagnahmt oder zwangsveräußert. Für die jüdischen Sammlerinnen und Sammler selbst bedeutete die nationalsozialistische Verfolgung Vertreibung, Exil oder Ermordung. Nach 1945 blieb ihr Beitrag als Wegbereiter der modernen Kunst lange Zeit weitgehend unsichtbar und ungewürdigt, während ihre Sammlungen über Museen und Privatsammlungen auf alle Kontinente verstreut wurden und die Künstler und ihre Werke Ruhm erlangten.
Rekonstruktion einer verlorenen Kulturgeschichte
Die Ausstellung „Von Cézanne bis Kirchner: Jüdische Kunstsammler:innen der Moderne in Deutschland“ im Bucerius Kunst Forum Hamburg macht das kulturelle Erbe jüdischer Kunstsammlerinnen und –sammler wieder sichtbar und erzählt ihre Geschichten. Zu ihnen zählen unter anderem die Familie Hirschland, Paul und Clothilde Schüler, Max Meirowsky, Rosa Schapire und Margarete Mauthner. Ihre bedeutenden Privatsammlungen werden in der Ausstellung erstmals wieder zusammengeführt. Dafür holt das Bucerius Kunst Forum rund 100 Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Objekte von George Braque, Paul Cézanne, Lovis Corinth, Ferdinand Hodler, Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc und weiteren Künstlerinnen und Künstlern nach Hamburg. Jeder Sammlung wird ein eigener Raum gewidmet, in dem die Begegnung mit den Kunstwerken möglich ist, das Publikum aber auch von der Geschichte und Verfolgung, der Sammlerinnen und Sammler sowie den teils abenteuerlichen Stationen erfährt, die die Kunstwerke nach ihrer Entwendung durchlaufen haben.
Silke Mülherr, Co-CEO der Alfred Landecker Foundation sagt:
„Die Geschichte dieser jüdischen Sammlungen erzählt von großer kultureller Leidenschaft und künstlerischem Weitblick – und zugleich von der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Minderheit im Nationalsozialismus. Gerade deshalb lenkt die Ausstellung den Blick auch auf Fragen, die heute wieder an Dringlichkeit gewinnen: zunehmender Antisemitismus und die schleichende Verdrängung einzelner Gruppen aus dem kulturellen und wirtschaftlichen Leben. Sie erinnert an das Leben und Wirken der jüdischen Sammlerinnen und Sammler und macht zugleich deutlich, welche zerstörerische Kraft Antisemitismus für Individuen wie für eine ganze Kultur entfalten kann.”
Kunst und Erinnerung
Durch die Auseinandersetzung mit dem Leben, der Flucht oder der Ermordung der Sammlerinnen und Sammler während der NS-Zeit schlägt die Ausstellung eine Brücke zur historisch-politischen Bildung. Gerade in Zeiten eines erstarkenden Antisemitismus regt sie Besucherinnen und Besucher dazu an, über Mechanismen von Ausgrenzung nachzudenken – und über die Gefahr, die sie für eine offene, demokratische Gesellschaft darstellen. Materialien für Schulklassen und Lehrkräfte sowie Audioguides und ein Begleitprogramm ergänzen das pädagogische Angebot.