CeMAS-Studie: Deutschsprachiger Raum ist Treiber für QAnon-Bewegung.


Berlin, 31. März 2022

Globale Krisen wie die Covid19-Pandemie und der Angriffskrieg gegen die Ukraine befeuern Verschwörungsideologien. In Zeiten wie diesen bekommt auch die Szene um QAnon wieder Zulauf und instrumentalisiert die Krisen für ihre Ziele. Ihre Verschwörungserzählungen finden in einem nicht geringen Teil der Bevölkerung Anklang. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue repräsentative Studie des Berliner Centers für Analyse, Strategie und Monitoring (CeMAS).

Einige hofften, dass mit Donald Trumps Wahlniederlage 2020 auch die QAnon-Szene verschwinden würde. Doch das Gegenteil ist der Fall: In den USA ist QAnon weiter auf dem Vormarsch und auch im deutschsprachigen Raum konnte sich die verschwörungsideologische Szene etablieren. Vieles deutet daraufhin, dass Deutschland und Österreich nach den USA sogar den größten Resonanzraum für QAnon-Verschwörungserzählungen bilden. Zu diesem Ergebnis kommt die CeMAS-Studie „Q vadis? Zur Verbreitung von QAnon im deutschsprachigen Raum“. Darin wurde eine repräsentative Befragung der deutschen und österreichischen Bevölkerung durchgeführt, bei der unter anderem die Zustimmung zu QAnon-Verschwörungserzählungen ermittelt wurde. Die Befragung wurde ergänzt um eine Analyse der Reichweite aller relevanten deutschsprachigen QAnon-Kanäle und -gruppen auf Telegram.

Aus der Studie ergeben sich folgende zentrale Erkenntnisse:

  • Mehr als jede:r Zehnte in Deutschland stimmt QAnon-Verschwörungserzählungen zu. Nur knapp neun Prozent in Deutschland und sechs Prozent in Österreich gaben an, eher viel oder sehr viel über QAnon gelesen zu haben. Trotzdem finden die Verschwörungserzählungen aus dem QAnon-Milieu Anklang in der Gesellschaft: Unter den 1.970 Befragten in Deutschland findet sich bei 12,4 Prozent mehr oder weniger starke Zustimmung zu QAnon-Verschwörungserzählungen. Für Österreich zeigen sich höhere Zustimmungswerte: Von den 1.012 Befragten stimmen 16,2 Prozent QAnon-Verschwörungserzählungen zumindest teilweise zu.
  • Vor allem AfD- und FPÖ-Wähler:innen neigen zum QAnon-Verschwörungsglauben. In Deutschland stimmen knapp 44 Prozent der befragten AfD-Wählerinnen QAnon-Verschwörungserzählungen (eher) zu. Die Verschwörungserzählungen werden unter allen anderen Wähler:innengruppen hingegen deutlich abgelehnt – von 91 Prozent bei der Partei Die Linke bis hin zu 96,3 Prozent bei den Grünen. Ein ähnliches Muster zeigt sich in Österreich: Hier stimmen 46,1 Prozent der FPÖ-Wähler:innen und 32 Prozent der MFG-Wähler:innen QAnon-Verschwörungserzählungen zu, unter Wähler:innen der anderen Parteien werden diese Aussagen zu mindestens 90 Prozent abgelehnt.
  • Fast die Hälfte der derzeit noch ungeimpften Menschen in Deutschland und Österreich glaubt zu einem gewissen Ausmaß an QAnon-Verschwörungserzählungen. 46 Prozent der Ungeimpften stimmen zentralen Verschwörungserzählungen der QAnon-Szene mindestens teilweise zu, während nur 8,7 Prozent der Menschen, die mindestens eine Schutzimpfung gegen Covid19 erhalten haben, solchen Erzählungen zustimmen. In Österreich zeigen sich ähnliche Verhältnisse: Zustimmungswerte von 41,1 Prozent bei ungeimpften Menschen im Kontrast zu 11,4 Prozent bei Menschen, die sich haben impfen lassen.
  • QAnon-Inhalte sind auf Telegram weiterhin sehr beliebt: Nachrichten erreichen täglich Hunderttausende Accounts im deutschsprachigen Raum. Insgesamt konnten mehr als 115 QAnon-Kanäle mit mindestens 1.000 Abonnent:innen identifiziert werden. Sechs Kanäle haben sogar mehr als 100.000 Abonnent:innen und konnten diese teilweise innerhalb des letzten Jahres gewinnen. In 84 QAnon-Gruppen wurden 2021 über 8,3 Millionen Nachrichten ausgetauscht.

Globale Krisen sind Treibstoff für die QAnon-Szene

Vor allem mit Beginn der Covid19-Pandemie erfuhr QAnon auch im deutschsprachigen Raum enormen Aufwind. „Mit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine sehen wir derzeit wieder eine größere Reichweite der Szene. Jede Katastrophe wird genutzt, um ihre Erzählungen einer globalen, vermeintlichen Verschwörung zu verbreiten – in letzter Konsequenz wünscht sich das Milieu um QAnon Krieg und Chaos herbei“, betont Josef Holnburger. „Die Gesellschaft muss ihre Lehren aus der Pandemie ziehen: Verschwörungserzählungen und Desinformation sind nicht nur eine Herausforderung beim Management von Krisen, sondern versuchen demokratische Werte zu attackieren“, ordnet Pia Lamberty die Ergebnisse ein. Auch wenn QAnon-Verschwörungserzählungen selbst absurd wirken mögen, ist es wichtig, die Gefahr, die von der Szene ausgeht, nicht zu unterschätzen. „Antidemokratischen Stimmen muss immer wieder aufs Neue widersprochen und gesellschaftliche Grenzen des Sagbaren klar benannt und gezogen werden. Dazu gehört einerseits, Desinformationen und Verschwörungsideologien als solche zu enttarnen, anzuprangern und gegen sie vorzugehen. Dazu gehört andererseits auch, Rassismus und Antisemitismus zu bekämpfen, die sich oft unter dem Deckmantel der Meinungsäußerung zu verstecken versuchen“ sagt Andreas Eberhardt, CEO der Alfred Landecker Foundation, die CeMAS seit der Gründung fördert.

Zur Methodik der Studie

In dieser Studie wurde eine repräsentative Stichprobe der deutschen und österreichischen Bevölkerung zu ihren Einstellungen und Verhaltensweisen befragt. Der Fokus der Befragung lag auf Verschwörungserzählungen. Die Rekrutierung der Teilnehmer:innen war so geplant, dass die Stichprobe die Verteilung in der Gesamtbevölkerung nach zentralen Parametern wie Alter, Geschlecht und Bundesland widerspiegelt. Die Befragung wurde vom Marktforschungsinstitut Bilendi & respondi im Zeitraum von 17. Januar 2022 bis 22. Januar 2022 online durchgeführt. Insgesamt wurden die Angeben von 1.970 Personen in Deutschland und 1.012 Personen in Österreich ausgewertet. Ergänzt wurde die Befragung um eine Analyse der digitalen QAnon-Netzwerke und ihrer Reichweite auf der Plattform Telegram. Dazu wurden 115 Kanäle und 84 Gruppen identifiziert und ausgewertet.

Unsere Themen

Demokratie stärken

Minderheiten schützen

Antisemitismus bekämpfen

Debatten entpolarisieren

Sich der Vergangenheit stellen

Auf Twitter teilen
Twitter
Auf Facebook teilen
Facebook
Per E-Mail teilen
Share-mail
Link kopieren
Link kopiert
Copy link
Presse
back arrow