Kunstsammlungen, NS-Verfolgung und Provenienzforschung


Jüdische Sammlerinnen und Sammler prägten die Entwicklung und Wahrnehmung moderner Kunst in Deutschland maßgeblich. Die nationalsozialistische Verfolgung zerstörte jedoch nicht nur ihre Sammlungen, sondern vielfach auch die Erinnerung an die Menschen und ihr kulturelles Engagement. 

Kathrin Baumstark & Stefan Koldehoff / © Ulrich Perrey

Die Ausstellung „Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland“ rückt ihre Biografien und ihre Sammlungen wieder in den Mittelpunkt. Im Gespräch erklären die Kuratoren Dr. Kathrin Baumstark und Stefan Koldehoff, wie sich verstreute Sammlungen heute rekonstruieren lassen und welche Fragen die Provenienzforschung noch immer aufwirft.

 

Wie ist die Idee zur Ausstellung entstanden?

Spätestens seit der Washingtoner Erklärung von 1998 wird das Thema NS-Raubkunst breit diskutiert. Seit vielen Jahren kümmern sich Institutionen und Privatpersonen – endlich – um jene Kunstwerke, die nach 1933 vor allem jüdischen Menschen in Deutschland gestohlen und abgepresst wurden. Das ist gut so, auch wenn es viel zu spät kam, viele Betroffene bereits verstorben waren und nicht mehr erlebten, dass öffentlich anerkannt wurde, was sie und ihre Familien erleiden mussten. Die Menschen hinter diesen Sammlungen aber sind vielfach nicht mehr bekannt. Mit ihren Leben wurde auch die Erinnerung an sie, an ihr soziales und kulturelles Engagement für die Gesellschaft, in der sie als Deutsche lebten, nachhaltig zerstört. Wir wollen wenigstens einige dieser Menschen und ihr herausragendes kulturelles Engagement in die Erinnerung zurückholen. 

 

Welche Rolle spielten jüdische Sammlerinnen und Sammler für die Moderne Kunst und was würde in der Kunstgeschichte ohne ihren Beitrag fehlen?

Hier möchte ich aus dem Text der Expertin Inka Bertz in unserem Katalog zitieren: „Am Beginn des „jüdischen Projekts der Moderne“ (Shulamit Volkov) steht 1783 eine Zeitschrift mit dem Titel Der Sammler. Auch wenn der Begriff dort in einem anderen Sinne gebraucht wurde, als wir ihn heute verstehen, ist diese Koinzidenz mehr als nur anekdotischer Natur. Jedenfalls provoziert sie die Frage nach einer jüdischen Perspektive auf das kulturelle Phänomen des Sammelns, nach seiner Relevanz im deutsch-jüdischen kulturellen Gedächtnis vor der Katastrophe, mithin zur Zeit der Entstehung der in dieser Ausstellung gezeigten Sammlungen. Kunst außerhalb ihrer religiösen Funktion zu schaffen und zu sammeln, war Teil der Beteiligung von Jüdinnen und Juden an der Entstehung einer universellen Idee von Kultur und Bildung im Rahmen eines allgemeinen Prozesses der Säkularisierung. Die Abwehr dieser Entwicklungen durch die antisemitischen Ideologinnen und Ideologen des 19. Jahrhunderts bezog sich auf jüdische Forderungen nach Rechtsgleichheit und religiöser Selbstbestimmung, ging jedoch von Beginn an einher mit der Identifikation von „Judentum“ und „Moderne“ ebenso wie mit der Verächtlichmachung und Delegitimierung von Jüdinnen und Juden in der Bildungskultur. Jüdische Kunstsammlerinnen und -sammler treffen im antisemitischen Weltbild auf Phantasmen von Reichtum und auf Ressentiments gegen jüdische Gebildete. Der vom NS-Regime organisierte und legitimierte Raub zielte somit nicht allein auf den materiellen Wert der Sammlungen, sondern richtete sich ebenso gegen deren symbolische Bedeutung als Zeichen kultureller Teilhabe, nicht allein auf die Besitztümer, sondern gegen die Berechtigung zu deren Besitz.“

 

Viele Sammlungen wurden durch die nationalsozialistische Verfolgung zerschlagen und die Werke über Museen und Privatsammlungen in aller Welt verstreut. Wie rekonstruiert man heute eine Sammlung, die seit rund 90 Jahren nicht mehr existiert und welche Spuren waren für Ihre Recherche besonders wichtig? 

Viele der Sammlerinnen und Sammler vor 1933 waren stolz auf ihren Kunstbesitz. Über manche von ihnen wie das Ehepaar Nathan in Frankfurt gab es deshalb ausführliche Beiträge in den großen Kunstzeitschriften in Kaiserreich und Weimarer Republik. Außerdem spielten Ausstellungs- und Auktionskataloge eine wichtige Rolle. Stefan Koldehoff hat außerdem durch seine inzwischen jahrzehntelange Befassung mit dem Thema Kontakt zu vielen Nachfahren und Erben betroffener Familien, zu ihren Provenienzforschern und Rechtsvertretern. Zu einigen dieser Familien haben in den vergangenen Jahren außerdem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geforscht und publiziert. Auch das hat uns sehr geholfen. Und manchmal spielte auch der Zufall eine Rolle: Auf die nahezu unbekannte Sammlung von Clothilde und Paul Schüler in Bochum, die unter anderem zwei großartige Gemälde aus Picassos „Blauer Periode“ besaßen, stieß Stefan Koldehoff bei Recherchen zu einem Buch über Van Gogh und die Galerie Thannhauser durch einen Eintrag auf einer Karte in der erhalten gebliebenen Kundenkartei dieser Kunsthandlung. 

 

Sie bringen Werke erstmals wieder zusammen, die einst Teil derselben privaten Sammlung waren. Was verändert sich an unserem Blick auf ein einzelnes Kunstwerk, wenn wir wissen, wer es gesammelt hat, warum es ausgewählt wurde und unter welchen Umständen es die Sammlung verlassen hat?

Am Kunstwerk selbst verändert seine Provenienz gar nichts. Das 1888 gemalte Bildnis eines Mädchens von Van Gogh bleibt das Bildnis eines Mädchens, egal, was in den folgenden Jahrzehnten damit geschah. Bilder, der Zeitpunkt und die Umstände ihrer Erwerbung können aber den Blick auf ihre Besitzerinnen und Besitzer schärfen: Was waren das für Menschen, die sich im Kaiserreich für den französischen Impressionismus engagiert haben, obwohl der staatliche Kunstbetrieb ihn damals als „Rinnsteinkunst“ des angeblichen „Erbfeindes“ abgelehnt hat? 

Natürlich kann es spannend sein, die unterschiedlichen Strategien zu untersuchen, mit denen verfolgte Menschen nach 1933 versucht haben, ihren Besitz in Sicherheit zu bringen. Dabei darf man aber nie vergessen, dass der Hintergrund dieser Geschichten Entrechtung und Enteignung und Ermordung waren. NS-Raubkunst ist keine ästhetische, sondern eine politische Kategorie. Ein Kunstwerk so zu labeln, wird ihm deshalb auch nie gerecht. Monet wusste, als er 1864 das Meer bei Honfleur malte nicht, was 1933 in Deutschland geschehen würde. 

 

Bei Ihrer Recherche sind Sie auch auf Museen gestoßen, die angefragte Werke nicht verleihen wollten. Was sagt diese Erfahrung darüber aus, wo Museen heute bei der Aufarbeitung von NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut stehen und welche offenen Fragen sehen Sie weiterhin?

In den fast 30 Jahren, seit sich die öffentlichen deutschen Museen verpflichtet haben, das Thema NS-Raubkunst trotz schon in den 1960er-Jahren abgelaufener juristischer Fristen aus moralischer Verpflichtung neu anzugehen, hat sich sehr viel getan. In vielen Häusern jedenfalls, und zum Teil auch im Kunsthandel. Tatsächlich haben wir aber eine Reihe von angefragten Werken nicht bekommen. Manche Museen haben dann nur leise „politisch heikel“ geraunt; andere haben uns erschreckend offen wissen lassen, man wolle nicht die berühmten schlafenden Hunde wecken. Da geht es um tradierte Besitzstandswahrung und um die Angst, angesichts der finanziellen Situation der Museen, die von Bund, Ländern und Kommunen inzwischen vielerorts nicht mehr als Bildungsorte, sondern als kommerzielle Profitcenter verstanden werden, einmal verlorene künstlerische Qualität niemals wieder ersetzen zu können. Das alles zeigt, dass wir die Museen strukturell dringend entpolitisieren sollten. Im Hinblick auf Provenienzforschung gibt Österreich ein gutes Beispiel. Und für NS-Raubkunst in Privatbesitz haben wir auch 30 Jahre nach Washington noch keine Lösung. Ein seit Jahren angekündigtes Raubkunstgesetz wird sie nach Meinung von Expertinnen und Experten auch nicht bringen.  

 

Gibt es ein Werk, das aus Ihrer Sicht die Geschichte von Verfolgung, Verlust und Restitution bzw. nicht gelungener Restitution besonders eindrücklich erzählt? Welche Geschichte hat Sie persönlich am meisten beeindruckt oder berührt?

Jedes Schicksal, das wir in dieser Ausstellung in Erinnerung rufen, steht stellvertretend für Tausende andere. Hier eine Rangfolge aufzustellen, wäre so unangemessen wie der immer wieder unternommene Versuch, ein Überleben im Holocaust oder den Erhalt einer lächerlichen Entschädigung in den 50er- oder 60er-Jahren als Argument gegen Restitution anzuführen. Dass allerdings jüdische Familien wie im Fall eines prominenten Picasso-Gemäldes, das für diese Ausstellung bewusst nicht ausgeliehen wurde, wieder seit Jahrzehnten vor deutschen Schreibtischen als Bittsteller auftreten müssen, ohne dass bislang der Anrufung einer Vermittlungsinstanz zugestimmt wurde, ist unerträglich. 

 

Die Ausstellung verbindet Kunstgeschichte mit Biografien, Provenienzforschung und der Geschichte nationalsozialistischer Verfolgung. Wie haben Sie diese verschiedenen Ebenen kuratorisch zusammengebracht? 

Jeder Sammlung ist ein eigener Raum gewidmet. Darin werden die Werke präsentiert und die Geschichte der Sammlerinnen und Sammler erzählt. Durch historische Fotografien und Dokumente wird deren Leben und kulturelle Leistungen wieder in Erinnerung gerufen.  

 

Die Ausstellung entsteht in einer Gegenwart, in der Antisemitismus wieder verstärkt sichtbar ist. Was kann eine Ausstellung über jüdische Sammlerinnen und Sammler der Moderne zu heutigen Debatten beitragen? Was wünschen Sie sich, dass Besucher nach dem Rundgang mitnehmen?

Ziel unseres Projektes war ja neben dem Erinnern an kulturelle Leistungen und wagemutiges Engagement auch, nach einer Antwort auf die Frage zu suchen, ob jüdische Deutsche anders gesammelt haben, als nicht-jüdische. Das wird ja immer wieder angenommen und in Aufsätzen behauptet. Tatsächlich sind unter den frühen Anhängerinnen und Anhängern beispielsweise des Impressionismus, Post-Impressionismus oder auch des Expressionismus viele Jüdinnen und Juden – von denen manche übrigens vorher durchaus eher konservativ-repräsentatives deutsches 19. Jahrhundert gesammelt haben. Für nicht wenige von ihnen war das aber gar kein bestimmendes Merkmal ihrer Identität als Sammlerinnen und Sammler. Mit was sie zu Hause an den eigenen vier Wänden leben wollten, was sie als Leihgaben für Ausstellungen oder Geschenke an Museen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben, hatte nichts mit ihrem Glauben zu tun – sondern mit ihren individuellen Vorlieben und ihrem Geschmack. Manchmal sicher auch mit gesellschaftlichen Erwartungen. Zentral ist für uns deshalb eine Aussage des in Wien geborenen Kunsthistorikers Ernst Gombrich, die wir im Vorwort des Kataloges zitieren. Er äußerte 1999 über seine eigene Identität, er habe sich selbst nie in erster Linieals Jude empfunden: „Ich bin das, was Hitler einen Juden genannt hat.“

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Kunst, Verfolgung und Verlust
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