Nach mehr als drei Jahren Laufzeit und über 470.000 Besucherinnen und Besuchern schließt die von uns geförderte Ausstellung am 22. März 2026 ihre Türen. Im Gespräch erklärt Fritz Backhaus, Abteilungsdirektor Sammlungen im Deutschen Historischen Museum, was den Ansatz von Roads not Taken besonders machte und warum es gerade heute wichtig ist, Geschichte auch als ein offenes Feld von Möglichkeiten zu betrachten.
Was macht das Ausstellungskonzept von Roads not Taken besonders? Was unterscheidet diese Sicht auf Geschichte von klassischen Geschichtsausstellungen?
FB: Das Besondere an der von Prof. Dan Diner konzipierten Ausstellung Roads not Taken ist der Versuch, nicht einfach Wissen über deutsche Geschichte zu vermitteln, sondern das Nachdenken über Geschichte selbst zum Thema zu machen. Bei jedem der dargestellten Wendepunkte der deutschen Geschichte fragt die Ausstellung: Ist das, was geschehen ist, zwangsläufig geschehen, gab es für die Zeitgenossen auch Alternativen, welche Wege sind sie nicht gegangen? Gleichzeitig erzählen wir nicht linear von 1848 bis 1989, sondern drehen die Chronologie um und beginnen mit der friedlichen Revolution und dem Fall der Mauer 1989, um uns Schritt um Schritt weiter in die Vergangenheit zu bewegen. Auch dies ist ein Moment der Irritation, der zum Nachdenken über die Konstruktivität und Offenheit von Geschichte anregt.
Welche Fragen stellen Besucher am häufigsten, wenn sie durch die Ausstellung gehen? Welche historischen Momente oder „Roads not Taken“ fanden sie besonders spannend?
FB: Besondere Resonanz finden Räume, die persönliche (1989) oder Gegenwartsbezüge (1936, 1929) ermöglichen oder neue Perspektiven eröffnen wie die Zäsuren 1914, 1848 oder auch das Thema eines Atombombenabwurfes über Deutschland bei der Zäsur 1945. Hervorzuheben ist das Interesse an der transnationalen Beleuchtung der Zäsur 1989. Die Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur im Raum zu 1944 sorgt besonders für Diskussionen und auch Widerspruch. Speziell der Zugang über das markante Design und über kurze Erklärungen ermöglichte vielen Besucherinnen und Besuchern ein anregendes Besuchserlebnis Fragen nach der Wahrscheinlichkeit der Alternativen oder potenziellen Konsequenzen der Roads not Taken machen deutlich, dass Kontingenz erfahrbar wird und nicht nur über Handlungsspielräume, sondern auch über Geschichte selbst nachgedacht wird.
Was hoffen Sie, nehmen Menschen nach einem Besuch mit?
FB: Wir haben häufig erlebt, dass die Ausstellung heftige und auch kontroverse Diskussionen auslösten, sei es zu den Alternativen in den einzelnen Wendepunkten oder zu der Frage, wie das Nachdenken über Geschichte mit unserer eigenen Gegenwart verbunden ist. Das übergeordnete Ziel des DHM ist die Stärkung der „historischen Urteilskraft“. Die intensiven Diskussionen in der Ausstellung und die häufig geradezu euphorischen Reaktionen auf den ungewöhnlichen Ansatz scheinen mir darauf hinzuweisen, dass dies gelungen ist.
Warum ist es gerade heute wichtig, Geschichte auch als offenes Feld von Möglichkeiten zu erzählen?
FB: Die Gegenwart empfinden sehr viele als krisenhaft und nach dem Beginn des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine zurecht als „Zeitenwende“. Das bedeutet auch, dass die Gegenwart durch grundlegende politische Richtungsentscheidungen geprägt ist und auch die liberale Demokratie selbst als gefährdet wahrgenommen werden kann. Der Blick auf die historischen Wendepunkte und die Konsequenzen vergangener Entscheidungen macht deutlich, dass auch heute die politischen Entscheidungen nicht alternativlos sind und dass mit diesen Entscheidungen Verantwortung für die Zukunft verbunden ist.
Wie war Ihre ganz persönliche Motivation, dieses Ausstellungskonzept mitzugestalten?
FB: Ich persönlich fand es sehr reizvoll, das Medium der historischen Ausstellung neu zu interpretieren. Eben nicht nur das zu zeigen, was geschehen ist, sondern auch das was hätte geschehen können. Eine besondere Herausforderung war die Frage, ob es überhaupt Objekte gibt, die eine Möglichkeit und damit eine nicht realisierte Vergangenheit materialisieren können. Ebenso wichtig war Aufgabe, den anspruchsvollen intellektuellen Ansatz in eine angemessene räumliche und visuell attraktive Gestaltung umzusetzen. Die Reaktionen vieler Kolleginnen und Kollegen bestätigten dabei, dass es uns tatsächlich gelungen ist, mit dieser Ausstellung Neuland zu betreten.