Der Klang der Geschichte
Perspektiven auf das Audio-Archiv von Claude Lanzmann


Vierzig Jahre nach der Veröffentlichung von Shoah rückt ein bislang wenig systematisch erschlossenes Quellenkorpus in den Fokus der Forschung: die Tonaufnahmen, die Claude Lanzmann während der Vorbereitung seines Films anfertigte. Die internationale Konferenz „Der Klang der Geschichte“ bot erstmals einen gemeinsamen Rahmen, um dieses Material interdisziplinär zu analysieren und einzuordnen.

Am 9. und 10. Februar kamen in Berlin rund 200 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus Frankreich, Polen, Israel, Großbritannien und den USA zusammen. Im Mittelpunkt standen 152 Audiokassetten mit rund 220 Stunden Material – Interviews in acht Sprachen ebenso wie Pausen, Nebengeräusche, Brüche und nicht gefilmte Gesprächsanteile. Das Jüdische Museum Berlin digitalisiert diesen Bestand derzeit vollständig mit Förderung der Alfred Landecker Foundation. Die Kassetten bilden zudem die Grundlage für die Ausstellung „Claude Lanzmann. Die Aufzeichnungen“. Der Bestand verhält sich komplementär zum Film Shoah sowie zu bekannten Outtakes des Films und erlaubt neue Rückschlüsse auf Lanzmanns Recherchepraxis, die er selbst als „trial and error“ beschrieb.

Bewusst ohne vorgegebene Fragestellungen eingeladen, näherten sich die Teilnehmenden dem Archiv jeweils anhand einzelner Aufnahmen. In sechs Panels – von nicht gefilmten Personen über Täterperspektiven bis hin zu den Unterschieden zwischen Ton und Film – wurde deutlich, was die Holocaust-Überlebende Maria Bobrow meinte, als sie während der Recherche zu Lanzmann sagte: "I can only bring you that little pebble, Claude. And then from that stone, you have to build a house."

Besondere Einblicke ergaben sich durch die Beteiligung von Corinna Coulmas und Irena Steinfeldt-Levy, die über viele Jahre als Assistentinnen von Lanzmann an der Entstehung von Shoah mitgewirkt haben. Ihre Beiträge verdeutlichten die Bedeutung der Tonaufnahmen für ein vertieftes Verständnis der Produktionsbedingungen und Entscheidungsprozesse. Auch Fragen der Archivierung, Kontextualisierung und der zukünftigen wissenschaftlichen Nutzung – etwa im Zusammenhang mit der Aufnahme von Shoah in das UNESCO-Weltdokumentenerbe – wurden diskutiert. Wie die Direktorin des Jüdischen Museums Berlin, Hetty Berg, betonte, verstand sich die Konferenz daher als Ausgangspunkt für weitere Forschung und neue Perspektiven in der Lanzmann-Forschung sowie in angrenzenden Feldern.

Als Alfred Landecker Foundation fördern wir die wissenschaftliche Erschließung dieses besonderen Audio-Archivs mit dem Ziel, nachhaltige Forschungszugänge zu ermöglichen. Angesichts von wachsendem Antisemitismus und historischem Revisionismus kommt der kritischen Auseinandersetzung mit solchen Quellen besondere Bedeutung zu: Lanzmanns Ansatz zielt nicht auf bloßes Erinnern, sondern auf Vergegenwärtigung – auf eine historisch fundierte Auseinandersetzung, die in der Gegenwart verankert ist.

Wir danken der Französischen Botschaft in Deutschland, dem Jüdischen Museum Berlin, der CIVS, dem Selma Stern Zentrum, Corinna Coulmas, Irena Steinfeldt-Levy and Dominique Lanzmann sowie allen beteiligten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen für den fachlich konzentrierten und europäischen Austausch. Die systematische Auswertung der Tonaufnahmen bildet eine zentrale Grundlage für zukünftige Forschung, Vermittlung und Lehre.

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Claude Lanzmanns Audio-Archiv
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