Social-Media-Plattformen wie TikTok, YouTube oder Instagram sind insbesondere für junge Menschen zu einer zentralen Informationsquelle geworden. Gedenkstätten, Museen und Content Creator aus aller Welt reagieren auf diese veränderte Mediennutzung, indem sie faktenbasierte, aber auch emotionale und berührende Kurzvideos produzieren, um über die Verbrechen im Nationalsozialismus, die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden, Antisemitismus und Holocaustleugnung aufzuklären.
In Zeiten von zunehmendem Antisemitismus, Desformation und KI-Fakes sind qualitativ hochwertige und vertrauenswürdige Inhalte wie diese unerlässlich. Hier setzt das von uns geförderte Projekt des Anne Frank Zentrums, SHOAH STORIES, an: Es sammelt diese Kurzvideos auf einer digitalen Plattform und gibt den Inhalten wissenschaftlich fundierten Kontext, damit sie langfristig auffindbar sind und zur Bildung in Schulen und Gedenkstätten eingesetzt werden können. So richtet sich das Projekt sowohl an Schülerinnen und Schüler als auch an Lehrkräfte und Mitarbeitende von Gedenkstätten. In Zusammenarbeit mit Museen, Gedenkstätten und Bildungseinrichtungen aus aller Welt wurden Lehrpläne erstellt, die zeigen, wie sich die Kurzvideos im Unterricht integrieren lassen.
Die mehrsprachigen Unterrichtseinheiten sollen Lehrkräfte zudem dabei unterstützen, die Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler zu stärken. Sie vermitteln unter anderem den kritischen Umgang mit Inhalten aus den sozialen Medien, die Nachbereitung von Gedenkstättenbesuchen und die Unterstützung von Jugendlichen bei der Entwicklung eigener digitaler Formate.
Historisches Lernen im digitalen Raum stärken
Am 21. Januar erhielten Vertreterinnen und Vertreter von Gedenkstätten, Bildungseinrichtungen, Presse und Politik in Berlin einen offiziellen Einblick in die neue Bildungsplattform. Der Co-Initiator von SHOAH STORIES, Samson Wollenberger Schevitz, führte durch die Plattform und zeigte Best-Practice-Beispiele. In Redebeiträgen wurde die Bedeutung von jugendgerechter, digitaler Erinnerungsarbeit aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.
In seiner Eröffnungsrede sagte Prof. Dr. Tobias Ebbrecht-Hartmann von der Hebrew University Jerusalem und weiterer Co-Initiator des Projekts: „In einer Zeit, in der die globale Nachkriegsordnung, demokratische Werte, kritisches Denken und respektvolles Zusammenleben zunehmend unter Druck geraten, ist es umso wichtiger, junge Menschen in ihrer eigenen medialen Sprache anzusprechen und sie zu ermutigen, sich als demokratische Bürgerinnen und Bürger für eine offene, freie und tolerante Gesellschaft einzusetzen.“
Lena Altman, Co-CEO der Alfred Landecker Foundation, knüpfte daran an und betonte in ihrer Rede: „Wir müssen lernen, unsere Botschaften präziser zu vermitteln und exzellentes Storytelling zu beherrschen. Nicht, weil wir vereinfachen wollen, sondern weil es die Aufmerksamkeit, Konkurrenz und Dynamik digitaler Räume verlangen. Wir sehen, dass Holocaustverharmlosung millionenfach verbreitet wird, wie Verzerrung und Fakes Wirkung entfalten und wie Judenhass als Meinung getarnt wird. SHOAH STORIES setzt hier ganz bewusst einen Gegenpunkt mit klug kuratierten Kurzvideos, die bei Schülerinnen und Schüler Neugierde wecken, ihr Wissen zu vertiefen. Unser Auftrag ist klar: Wir wollen verhindern, dass Erinnerung verblasst. Denn wenn das geschieht, gerät die Grundlage unserer Demokratie ins Wanken.“
Als Vertreter der Kultusministerkonferenz nahm der hessische Minister für Kultus, Bildung und Chancen, Armin Schwarz, an der Veranstaltung teil. Er betonte, dass es Pflicht sei, die Erinnerungskultur fächerübergreifend als Teil des Lehrplans fest zu verankern. Mit SHOAH STORIES sei eine Plattform entwickelt worden, die Lehrkräfte dabei aktiv unterstützt und aufzeigt, wie Social Media verantwortungsvoll eingebunden werden kann.
Michaela Küchler, Generalsekretärin der Internationalen Allianz zum Holocaust-Gedenken (IHRA), verwies auf die Verantwortung der Social-Media-Plattformen. Die Frage sei nicht, ob Holocaust-Bildung online stattfinden solle, sondern wie sie gut umgesetzt werden könne. SHOAH STORIES sei ein gutes Beispiel dafür. Qualitativ hochwertiger Inhalt könne jedoch nur ein Teil der Bemühungen sein. Um Verzerrungen des Holocaust entgegenzuwirken, braucht es auf den Plattformen auch klare Standards, aktive Moderation sowie die Entfernung schädlicher Inhalte.
Gedenkstätten sollten als Experten auf Plattformen präsent sein
Welche Verantwortung Social-Media-Plattformen, aber auch Gedenkstätten und Bildungseinrichtungen bei der Vermittlung der Geschichte des Holocausts tragen und welche Herausforderungen sich daraus ergeben, war Thema einer anschließenden Podiumsdiskussion. Mit dabei waren Johanna-Florentine Dyk, Anne Frank Ambassador, Dr. Iris Groscheck von der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen, Mehmet Can, Fachleiter Gesellschaftswissenschaften an der Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli, sowie Felix Kröner, Senior Manager Societal Safety bei TikTok DACH.
Alle waren sich einig, dass kurze Videoformate auf Social Media einen ersten Einstieg in die Thematik bieten und zur weiteren Auseinandersetzung anregen können. Dr. Iris Groscheck betonte, dass sie ein wichtiges Instrument seien, um den Dialog nach dem Gedenkstättenbesuch aufrechtzuerhalten. Mehmet Can fügte hinzu, dass Kurzvideos in der Schule eine Brücke zu komplexen Themen schlagen können, aber natürlich nicht den Geschichtsunterricht ersetzen.
Johanna-Florentine Dyk, die als eine Vertreterin der jüngeren Generation die Perspektive dieser Zielgruppe einbrachte, betonte zum Abschluss des Gesprächs: „Gedenkstätten müssen diesen Platz im Internet einfach einnehmen. Wenn die Gedenkstätten das nicht selbst tun und informieren, dann werden das andere Leute tun. Wir sehen ja mit Desinformationen und Deep Fakes, wie gefährlich das ist. Deswegen ist es sehr wichtig, dass wir kompetente Social-Media-Teams im Geschichtsunterricht haben.“
Im nächsten Schritt des Projekts wird nun eine Wirkungsstudie durchgeführt. Deren Ergebnisse werden zusammen mit ersten Praxiserfahrungen im Herbst 2026 bei einer Abschlusskonferenz vorgestellt und diskutiert.
Über das Projekt SHOAH STORIES
Das Projekt wird von der Alfred Landecker Foundation gefördert und vom Anne Frank Zentrum durchgeführt. Bei der Entwicklung und Umsetzung der Kurzvideoplattform kooperierte das Anne Frank Zentrum mit Partners Partners & Company, bei der technischen Entwicklung der Plattform mit Scholz & Friends und für die begleitende Evaluierung mit der Hebräischen Universität Jerusalem. Initiiert wurde SHOAH STORIES von Partners Partners & Company. Es baut auf der internationalen TikTok Shoah Gedenk- und Bildungsinitiative auf, die seit 2021 weltweit über 50 Gedenkstätten, Museen und Organisationen dabei unterstützt hat, eigene TikTok-Kanäle zu betreuen.