Jüdische Sammlerinnen und Sammler: Pioniere der Moderne
Ausstellungseröffnung im Bucerius Kunst Forum


Wem gehörten die Werke, die heute selbstverständlich zum Kanon der Moderne zählen? Welche Rolle spielten sie im Leben ihrer Sammlerinnen und Sammler? Und was ging mit der Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen im Nationalsozialismus auch kulturell verloren? Diese Fragen standen am 10. September im Zentrum der Eröffnung der Ausstellung „Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland“ im Bucerius Kunst Forum in Hamburg.

Die Ausstellung rückt 15 jüdische Sammlerinnen und Sammler, Paare und Familien in den Mittelpunkt, die die moderne Kunst in Deutschland entscheidend mitprägten und ihr zum Durchbruch verhalfen. Ihre Geschichten handeln nicht allein davon, was ihnen während der NS-Zeit genommen wurde, sondern davon, was sie geschaffen, unterstützt und ermöglicht haben. Rund 100 Werke werden dabei nicht isoliert präsentiert, sondern mit den Biografien der Menschen verbunden, die sie sammelten, Künstler förderten lang bevor sie Teil des Kanons wurden, Museen unterstützten und kulturelle Debatten prägten. Die Ausstellung ist vom 11. September 2026 bis zum 29. März 2027 zu sehen und steht unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.Sie verbindet Forschung und Erinnerung mit öffentlicher Vermittlung und macht so historische Erkenntnisse für ein breites Publikum erfahrbar - genau deshalb fördert die Alfred Landecker Foundation sie.

Zur Eröffnung begrüßten Prof. Manuel Hartung, Vorsitzender des Vorstands der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS, Katarzyna Wielga-Skolimowska, Künstlerische Direktorin und Vorständin der Kulturstiftung des Bundes, Hamburgs Senator für Kultur und Medien Dr. Carsten Brosda sowie Lena Altman, CEO der Alfred Landecker Foundation, die Gäste. Die Kuratorin Dr. Kathrin Baumstark und der Kurator Stefan Koldehoff führten in die Ausstellung ein.

Eine besondere Bedeutung hatte an diesem Abend die Anwesenheit von Ethan Bensinger aus Chicago (Familie Bensinger), Klaus Blank (Martha und Walter Blank), Maeva Emden und Töchter (Max Emden), Frau Studzinski (RA der Erbengemeinschaft Hugo und Martha Nathan). Dass die Nachfahren aller Sammlerfamilien, die Teil der Ausstellung sind, ihre Erinnerungen, Dokumente und Familiengeschichten teilten, war die Grundlage für die Rekonstruktion der Biografien und Sammlungen in der Ausstellung. Dafür dankten ihnen alle Rednerinnen und Redner ausdrücklich.

Kunstwerke als Teil von Lebensgeschichten

„Zu wessen Leben gehörten diese Werke?“ Diese Frage zog sich durch die Eröffnung, weil sie auch im Kern der Ausstellung steht. Der entscheidende Perspektivwechsel der Ausstellung besteht darin, die Kunstwerke wieder in jene Lebensgeschichten einzubetten, aus denen sie durch Verfolgung, Enteignung, Vertreibung und Mord herausgerissen wurden.

Katarzyna Wielga-Skolimowska ordnete diesen Ansatz in ihrem Grußwort für die Kulturstiftung des Bundes als einen zentralen Beitrag zur Erinnerungskultur ein. Die Rekonstruktion der Biografien mache ein kunsthistorisch wie gesellschaftspolitisch relevantes Stück Kulturgeschichte wieder sichtbar. Die Sammlerinnen und Sammler hätten mit ihrem Gespür für neue künstlerische Entwicklungen entscheidend zur späteren Etablierung der Moderne beigetragen. Viele ihrer Namen seien jedoch im Zuge ihrer Verfolgung aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden.

Kuratorin Dr. Kathrin Baumstark und Kurator Stefan Koldehoff stellten deshalb nicht die Geschichte der NS-Raubkunst ins Zentrum. Ihr Ausgangspunkt waren die Menschen hinter den Kunstwerken: ihr Interesse an Kunst, ihre Netzwerke und ihr gesellschaftliches Engagement. In ihrem Grußwort hoben sie hervor, wie wichtig es sei, die Restitution weiter voranzutreiben – sowohl auf gesetzlicher Ebene als auch durch die Bereitstellung der notwendigen Mittel, etwa für Forschung und die Sicherung entsprechender Stellen. Sie gaben zudem Einblicke in die Herausforderungen, mit denen sie bei der Vorbereitung der Ausstellung konfrontiert waren. So seien Leihanfragen an Museen zum Teil mit der Begründung abgelehnt worden, das Thema sei „zu heikel“.

Nicht vom Verlust her erzählen

Lena Altman, CEO der Alfred Landecker Foundation, griff in ihrem Grußwort das Beispiel von Martha und Walter Blank auf. Das Ehepaar war eng mit der progressiven Kölner Kunstszene verbunden. Walter Blank war Radiologe, Pazifist und Sozialist und mit Künstlern wie Heinrich Hoerle, Franz Wilhelm Seiwert, Jankel Adler und Otto Dix befreundet. Kunst gehörte zum Alltag der Familie.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde die Familie verfolgt. Martha Blank starb 1935. Walter Blank floh 1936 mit seinen beiden Söhnen aus Deutschland. Haus, Praxis und Kunstsammlung mussten sie zurücklassen; der größte Teil der Sammlung blieb bis heute verschwunden.

Altman betonte jedoch, dass Martha und Walter Blank – ebenso wie die anderen in der Ausstellung vorgestellten Sammlerinnen und Sammler – nicht auf ihre Verfolgungsgeschichte reduziert werden dürfen. Sie waren prägende Akteure des kulturellen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens.

Diese Perspektive verändert auch den Blick auf die ausgestellten Werke. Wie Altman ausführte, erzählen sie heute zwei miteinander verbundene Geschichten: von der kulturellen Weitsicht der Menschen, die neue künstlerische Entwicklungen früh erkannten und Kunstschaffende unterstützten – und von der Gewalt, die ihre Leben, Familien und Sammlungen traf.

Was hätte bleiben können?

Damit wirft die Ausstellung noch eine weitere Frage auf: Wie hätte sich das kulturelle Leben in Deutschland entwickelt, wenn der Zivilisationsbruch nicht stattgefunden hätte? Die Nationalsozialisten verfolgten und ermordeten nicht nur einzelne Menschen. Sie zerstörten Familien, soziale Beziehungen, intellektuelle Milieus und kulturelle Netzwerke. Die Ausstellung macht damit eine Leerstelle sichtbar, die sich nicht allein an verschwundenen Kunstwerken messen lässt. Sie führt vor Augen, welchen Anteil Jüdinnen und Juden an einer vielfältigen kulturellen Moderne in Deutschland hatten – und welche kulturellen und gesellschaftlichen Kontinuitäten die nationalsozialistische Verfolgung zerstörte.

Erinnerung bedeutet Verantwortung

 „Aus Erinnerung folgt Verantwortung“, betonte Lena Altman in ihrem Grußwort und führte aus: „Noch immer gibt es so viele blinde Flecken und wir müssen den Lichtkegel gerade dorthin richten: den NS-Kunstraub als integralen Bestandteil des Holocaust ins öffentliche Bewusstsein rücken, die Mechanismen von Ausgrenzung, Entrechtung und Bereicherung verstehen und daraus lernen. Dafür braucht es Forschung - und eben Projekte wie dieses, die ihre Erkenntnisse für viele Menschen erfahrbar machen.“

Die Ausstellung „Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland“ ist vom 11. September 2026 bis zum 29. März 2027 im Bucerius Kunst Forum in Hamburg zu sehen. Die Kulturstiftung des Bundes und die Alfred Landecker Foundation fördern das Projekt. 

Mehr Informationen zur Ausstellung gibt es hier, zu den Tickets gelangen Sie hier.

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