Wer heute soziale Medien aufruft, begegnet zunehmend solchen Bildern: ein ausgezehrter älterer Mann in gestreifter Häftlingskleidung, im Hintergrund uniformierte Soldaten – dem flüchtigen Blick nach glaubwürdig. Doch woher wissen wir, ob diese Bilder echt sind oder KI-generierte Konstruktionen aus Millionen historischer Fotografien, kalkuliert, um eine emotionale Reaktion auszulösen? Im Januar 2026 forderten über 30 Gedenkstätten ein konsequentes Vorgehen gegen diese Verbreitung von „Fake History“ auf Social-Media-Plattformen.
Am 17. und 18. Juni 2026 fand in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz mit Unterstützung der Alfred Landecker Foundation die Tagung „Schreibt KI Geschichte?“ statt. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Künstliche Intelligenz historische Forschung, Erinnerungskultur und den Umgang mit Geschichte verändert. Über zwei Tage verbanden Panels und Workshops die technologische Perspektive mit historischer Forschung und ethischen Fragen.
Zu Beginn benannte Johannes Rudloff, Grants Manager der Alfred Landecker Foundation, in seinem Grußwort die Chancen KI-generierter Inhalte: „KI kann helfen, das Zeugnis der Überlebenden zu bewahren, bisher unzugängliche Quellen oder die schiere Masse zu erschließen und Barrieren zu überwinden. Für viele – insbesondere für viele junge Menschen – wird ein „Prompt“ heute zur ersten Begegnung mit der Geschichte – etwa der des Nationalsozialismus und seiner Massenverbrechen.” Auf der anderen Seite müsse man sich der Gefahren bewusst sein: KI gewöhnt uns daran, das Authentische vom Konstruierten nicht mehr unterscheiden zu können – und bedrohten die Würde der Überlieferung sowie die Verlässlichkeit der Zeitzeugnisse.
Soziale Medien als Motoren von „Fake History“
Anschließend hielt Prof. Dr. Felix Stalder von der Zürcher Hochschule der Künste eine Keynote zum Thema „Analyse und Generierung. Die Wahrheiten der Künstlichen Intelligenz“. Auf die titelgebende Frage antwortete er klar: KI schreibe Geschichte nicht – aber sie schreibe mit. Technologien prägten den Möglichkeitsraum des Denkens, und generative KI tue das in besonderem Maße. KI berechne dabei die Wahrscheinlichkeit von Aussagen, nicht deren Wahrheitsgehalt – Verstehen sei in diesen Modellen nicht angelegt. Generierte Bilder seien keine Abbilder einer externen Wirklichkeit, sondern synthetische Konstruktionen aus Datenmustern. Soziale Medien seien der eigentliche Motor ihrer Verbreitung – KI das Kerosin.
Zwischen neuen Möglichkeiten und Vertrauensverlust
Zu Beginn des zweiten Tages verwies Prof. Dr. Tobias Ebbrecht-Hartmann von der Hebräischen Universität Jerusalem auf die aus seiner Sicht
größte Gefahr im gegenwärtigen Umgang mit KI: Die Erosion von Glaubwürdigkeit. KI könne zwar helfen, Lücken in Archiven zu schließen und etwa Namen zu identifizieren. Zugleich produziere sie Fehler und statistische Artefakte, die die wissenschaftliche Arbeit erschwerten. Er plädierte dafür, Skepsis ernst zu nehmen – ohne dabei in eine Haltung zu verfallen, die keine Quelle mehr als belastbar gelten lässt.
Kennzeichnungspflichten allein reichen nicht
Im Panel „Bewahren, Erschließen, Überliefern – KI in (digitalen) Archiven“ sprachen Dr. Anna Menny vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Clemens Neudecker von der Staatsbibliothek zu Berlin, Verena Lucia Nägel von der Freien Universität Berlin sowie Dr. Alina Bothe von der Freien Universität Berlin und Projektleiterin von #LastSeen über die Rolle von KI in der historischen Arbeit.
Dr. Alina Bothe forderte eine stärkere politische und machtkritische Rahmung großer KI-Modelle. Quellen ermöglichen Aussagefähigkeit über Vergangenheit. Die digitale Quellenkritik brauche deshalb dringend ein Update, um KI-generierte Inhalte sicher zu kontextualisieren. Dr. Anna Menny vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden verwies dabei auf die Rolle der Historikerinnen und Historiker: Wer die Daten sammelt, die heute produziert werden, entscheidet mit, welche Geschichte daraus einmal geschrieben wird.
Auf dem Panel zum Thema „Fake, Fact and Act – Glaubwürdigkeit und Wahrheit im Zeitalter von KI“ sprachen Dr. Iris Groschek von der Stiftung Hamburger Gedenkstätten, Dr. Vera Schmitt von der Technischen Universität Berlin und Dr. Lisa Käde von der Rechtsanwältinnenkanzlei JBViniol Berlin über KI-generierte Holocaust-Bilder, Desinformationserkennung und rechtliche Einordnungen. Konsens in der Debatte: Kennzeichnungspflichten allein reichen nicht. Gefragt ist koordinierte, überinstitutionelle Zusammenarbeit auf europäischer Ebene, um gemeinsame Leitlinien, rechtliche Rahmenbedingungen und Grenzen der Nutzung von KI zu erarbeiten.
Erinnerungskultur im Netz verteidigen
Die Workshops, Panels und Vorträge haben gezeigt: Eine faktenbasierte Erinnerungskultur muss im Netz aktiv verteidigt werden. KI kann dabei wertvolle Unterstützung leisten – etwa bei der Erschließung großer Datenbestände, der Transkription und Übersetzung historischer Quellen sowie dabei, Archive leichter zugänglich zu machen und bestehende Lücken sichtbar werden zu lassen. Zugleich eröffnet sie neue Perspektiven für die künstlerische und pädagogische Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und der Shoah. Solche Anwendungen dürfen jedoch nicht mit historischer Authentizität verwechselt werden, sondern müssen als interpretative Zugänge verstanden und kritisch reflektiert werden.
Die Tagung wurde von der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz ausgerichtet, die sich seit Jahrzehnten der historisch-politischen Bildung zur Geschichte der Wannsee-Konferenz und des Holocaust widmet. Als Kooperationspartnerinnen und -partner wirkten das DAAD Center for German Studies an der Hebräischen Universität Jerusalem sowie kulturBdigital der Technologiestiftung Berlin mit.