Archive bewahren Gedächtnis. Mit dem in der Münchner Monacensia im Hildebrandhaus etablierten „Archiv Salamander“ wurde dem in Deutschland nach 1945 erwachsenen jüdischen Literatur- und Kulturgedächtnis ein auf Dauer eingerichteter Ort gestiftet. Die dort abgelegte geronnene Zeit war wesentlich einer lebendigen Einrichtung erwachsen: der von Rachel Salamander begründeten und von ihr Jahrzehnte in der Münchner Maxvorstadt geführten „Literaturhandlung“.
1982 ins Leben gerufen, bestand diese gut 40 Jahre lang. Ihr Auftrag lässt sich, so man will, der historischen Zahlensymbolik des Geburtsdatums von Rachel Salamander entnehmen: dem 30. Januar 1949. Den sinnstiftenden Markierungen, die diesem Datum anhaften, kommt Gegenläufiges zu: 1949 ist das Gründungsjahr der Bundesrepublik – ein parlamentarisch-demokratischer Institutionenstaat, der sich durch erzwungene Teilung vom Nationalen abwandte. Der kalendarische Tag des Geburtsdatums wiederum, der 30. Januar, jene negative Zeitikone deutscher Geschichte, ruft dessen referenzielles Gegenbild auf: die 1933 erfolgte Machtübertragung an Hitler, deren Folge die Etablierung der nationalsozialistischen Diktatur sein sollte.
Die im Geburtsdatum Rachel Salamanders angelegte zufällige Zahlenkombination chiffriert, frei ausgelesen, die Gedächtnispräsenz zweier aufeinanderfolgender, gegenläufiger deutscher Regime. Der Bundesrepublik war es auferlegt, Restpräsenzen jener Vergangenheit zu exorzieren. An diesem generationellen Unternehmen war Rachel Salamander an vorderster Front beteiligt, indem sie vertriebenen und ermordeten jüdischen Literaten und ausgetriebenen jüdischen Literaturen ein Denk- und Mahnmal in Gestalt eines Hauses aus Büchern baute. Mit diesem Haus, der „Literaturhandlung“ zu München, erschuf sie ein lebendiges, ständig wachsendes kulturelles Kraftzentrum, dessen von Dependenzen angetriebene Strahlkraft weit über Stadt und Land hinausreichte.
Mit der in der Fürstenstraße gelegenen „Literaturhandlung“ riskierte Rachel Salamander eine Grenzüberschreitung. Die Geschäftsräume, zu ebener Erde gelegen, waren von der Straße her einladend einsehbar. Inneres war nach außen gekehrt. Dem draußen vorbeieilenden, einen verstohlenen Blick in die Auslagen des Schaufensters werfenden Publikum war oft ein Gefühl der Befangenheit anzumerken. Die unverstellte Darbietung jüdischer Zeichen, Symbole und Gegenstände in Gestalt von Büchern oder ritueller Objekte war ungewohnt, befremdlich. Für die jüdischen Symbole war es gleichwohl ein Weg hinaus ins Freie – heraus aus einem bislang nach Innen gekehrten jüdischen Milieu, von dessen verdeckter Existenz die meisten nichts wussten und dessen Verborgenheit so manche latent sich auswirkenden Vorstellungen von „den Juden“ weiter nährte. Nun öffneten sich die Tore der Wahrnehmung: Die „Literaturhandlung“ lud die Umgebung ein, in einen für sie rätselhaft anmutenden Ort einzutreten.
Der Name des Hauses offenbart seine Bestimmung, handelte Rachel Salamander doch mit Literatur. Nicht die Ware Buch galt es anzupreisen, sondern Texte. Salamanders Mission war es, Literaturen zu verbreiten, zentral war der Inhalt. Seine papierne Gestalt, das käuflich zu erwerbende Buch, war stets nachgeordnet. So wirkten sich die dort abgehaltenen Lesungen, Präsentationen und Diskussionen, die das Publikum in den tagsüber als Ladenlokal dienenden Geschäftsräumen erbauten, als Ausläufer eines sich immer wieder aufs Neue aufladenden kulturellen Energiefeldes aus. Und es war auch und gerade die unmittelbare mündliche Interpretation von Texten, die das Publikum in seinen Bann zog. Autoren und Autorinnen wurden im Sprechakt erfahren. Das Ambiente mutete an wie eine Art säkulares Bethaus oder erinnerte an die Szenarien vormoderner Theaterkultur, in denen Bühne und Publikum einander durchdrangen. So war die „Literaturhandlung“ zu einem kulturellen Versammlungsraum, zu einer Begegnungsstätte geworden, orchestriert von seiner Schöpferin, die darin eine heilige Sendung erkannte.
Rachel Salamander ist studierte Literaturwissenschaftlerin und Germanistin. Keine Selbstverständlichkeit, denn in ihrer aus Osteuropa stammenden Familie, die es nach 1945 nach München verschlagen hatte, war Jiddisch die Mutter- und Verkehrssprache, nicht Deutsch. Diese Sprache galt es erst zu erwerben – hohes, höchstes Deutsch: In der Vergangenheit war Deutsch auch eine der jüdischen Sprachen in Mittel- und Ostmitteleuropa gewesen. Von Felix Pollak, einem aus Wien stammenden Emigranten, der nach seiner Vertreibung in den USA als Übersetzer deutscher Klassiker, als Lyriker sowie als Bibliothekar seltener Bücher an der University of Madison/Wisconsin wirkte, ist die durchaus treffende, vormals Deutsche und Juden unterscheidende und nicht nur ironisch gemeinte Bemerkung überliefert, dass die einen deutsch sind und die anderen es können. Stimmen, die schwingenden Laute eines solchen Traditionsbestandes konnten in den Räumen der Münchner „Literaturhandlung“ vernommen werden.
Rachel Salamander war zur herausragenden Repräsentantin eines jüdischen Kulturlebens in Deutschland geworden – und dies lange, bevor jüdische Kultur oder das, was sich dafür hält, öffentliche Anerkennung erfuhr. Dass die dokumentierten Spuren dieser Zeit nun in ein für sie extra eingerichtetes Archiv eingehen, das ihren Namen als Signum trägt, ist sowohl ein Zeichen höchster Anerkennung als auch ein Wermutstropfen. Ein Wermutstropfen deshalb, weil diesem Arsenal der Erinnerung das Verfallsdatum einer Epoche aufgeprägt scheint, in der die Bundesrepublik ihre höchste Zeit erfuhr. So steht der Auszug aus dem gelebten Leben und der Einzug ins Archiv nicht nur für die nunmehr der Vergangenheit zugehörenden Kerngeschichte der „Literaturhandlung“ an. Sondern auch für viele andere herausragende Protagonistinnen und Protagonisten der alten Bundesrepublik, die noch Jahrzehnte über den Einschnitt der Vereinigung anhielt und heute an ihrem Ende angekommen zu sein scheint. Eine derartige Archivierung scheint auch die Republik als solche zu erfassen, deren Alter nun die Zeitspanne eines menschlichen Lebens erreicht hat.
Die Anzeichen, dass eine neue Zeit aufzieht, lassen sich schwerlich ignorieren. Und dass diese Zeit politisch unangenehmer, in mancher Hinsicht deutscher werden dürfte als die vorausgegangene, nunmehr in einem Zustand des Ablebens begriffene bundesrepublikanische Zeit, ist nicht allein dem weinerlichen Schwanengesang einer abtretenden Generation geschuldet. Sondern vor allem den anbrandenden Umständen: Neben der chronisch gewordenen Krise eines über Jahrzehnte Stabilität bietenden Parteiensystems scheint am politischen Horizont bereits ein Wetterleuchten eine drohende Verfassungskrise anzukündigen. Eine merkwürdige Übereinstimmung in der Dauer drängt sich hier auf: eine Übereinstimmung von Generation und Geschichtszeit.
Rachel Salamander, eine informelle und deshalb vielleicht umso wirkmächtigere Repräsentantin einer bundesrepublikanischen Judenheit, übergibt nun als lebendige Instanz und Institution ein Zeitgedächtnis einem Archiv, das mit ihrem Namen verbunden sein wird. Das „Archiv Salamander“ gilt es zu hegen und zu pflegen, in der Hoffnung, dass seinem Geiste zukünftiges Wissen entspringen werde – in Vorbereitung einer besseren Zukunft. Und um dabei ein ikonisches Wortbild Walter Benjamins zu evozieren: gleich einer, in unergründliche, bewegte Wasser geworfenen Flaschenpost.
Dieser Text ist eine gekürzte und leicht bearbeitete Version der Rede, die der deutsch-israelische Historiker und Autor Dan Diner am 19. Mai in München bei der Ausstellungseröffnung „Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv“ in der Monacensia im Hildebrandhaus gehalten hat. Der Text erschien erstmals in der Süddeutschen Zeitung am 19.05.2026.