Wie die Pandemie des Hasses gestoppt werden kann von David Kamenetzky und Van Jones


In Zeiten wie diesen können Lektionen aus der Geschichte lebenswichtige Ressourcen sein, indem sie Warnungen für die Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft anbieten. Beides benötigen wir mehr denn je.

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 21. Mai 2020 auf CNN veröffentlicht.

Beispielsweise jährte sich in diesem Jahr die Befreiung von Auschwitz zum 75. Mal. Im Jahre 1948, nach dem Holocaust und vor dem Hintergrund der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, haben die führenden Nationen der Welt sich wieder der universellen Idee der Menschenrechte verpflichtet; dementsprechend verabschiedeten die Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.

In den USA hat Dr. Martin Luther King Jr. vor mehr als 50 Jahren mit der Idee der Liebe als Heilmittel gegen Angst und Hass eine Nation inspiriert, die sich im Zeichen des Kampfes um die Bürgerinnen- und Bürgerrechte befand. In einer Predigt sagte er: „Der Hass hat seine Wurzeln in der Angst, und das einzige Heilmittel gegen den Angst-Hass ist die Liebe.“

Heute greift die Angst wieder um sich. Die Coronavirus-Pandemie ist die große Herausforderung dieser Generation. Sie setzt Gesundheitssysteme unter Druck und hat Volkswirtschaften an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Diese Ereignisse haben enorme Unsicherheit ausgelöst und machen Menschen dabei anfällig für Verschwörungstheorien, Vorurteile und die Suche nach vermeintlich Schuldigen. Sowohl Einzelne als auch ganze Nationen sind mittlerweile durch Hass gefährdet und halten sich zunehmend für machtlos. Es ist Zeit, dass unsere Führungspersönlichkeiten sich gegen diese uralte Angst stellen und sich erneut unerschrocken für die Sache der Menschenrechte und der Menschenwürde einsetzen.

Heute, in Zeiten des Coronavirus, sollten wir nicht länger zögern und unserem Gewissen folgen.

Demonstranten in den USA versuchen sich Zugang zum Abgeordnetenhaus in Michigan zu verschaffen und verlangen ein Ende der Corona-Schutzmaßnahmen

Pandemien haben oft zur Diskriminierung von Minderheiten geführt

Wenn Sie in Geschichtsbüchern über Pandemien der Vergangenheit nachlesen, stellen Sie schnell fest, dass Menschen die Schuld an ihrer Verbreitung häufig einer bestimmten Nation oder einer Minderheitengruppe zuschoben. Die Pest im Mittelalter wurde den Jüdinnen und Juden angelastet, Typhus den Menschen irischer Abstammung und die Influenza-Pandemie 1918 Spanierinnen und Spaniern. In jüngerer Zeit gab es wegen HIV abscheuliches Verhalten gegenüber der LGBTQ-Community und aus Haiti stammenden Amerikanerinnen und Amerikanern. Mexikanerinnen und Mexikaner wurden für die Schweinepest verantwortlich gemacht und Afrikanerinnen und Afrikanern für Ebola. An der Verbreitung von SARS sollen Asiatinnen und Asiaten schuld sein.

Wir wissen wir nur allzu gut, was passiert, wenn eine Gesellschaft sich dazu entscheidet, kleinen Gruppen die Schuld an großen Problemen zuzuschreiben. David Kamenetzky spricht hier für die Alfred Landecker Foundation, die sich der Bildung zukünftiger Generation über den Holocaust und den tragischen Folgen von Intoleranz und Faschismus widmet. Und Van Jones spricht hier als Anführer der Bürgerinnen- und Bürgerrechtsbewegung, der sich für eine Reform eines Strafjustizsystems einsetzt, das Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner sowie andere People of Color im Namen des „harten Durchgreifens gegen Verbrechen“ überproportional ins Gefängnis wirft. Intoleranz und Fanatismus, die auf Angst zurückgehen, sind uns beiden ein Gräuel.

Heute machen wir uns Sorgen wegen wachsender Anzeichen einer potenziellen Pandemie des Hasses gegen verschiedene gefährdete Gruppen:


Menschen aus Asien/Amerikanerinnen und Amerikaner asiatischer Abstammung

Im März hat ein Mann in einem Lebensmittelgeschäft in Midland/Texas mehrere Mitglieder einer asiatisch-amerikanischen Familie niedergestochen, darunter ein 2-jähriges und ein 6-jähriges Kind. Nachrichtenberichten zufolge sagte der Verdächtige, er „dachte, die Familie ist aus China und infiziert Menschen mit dem Coronavirus.“ Bemerkungen über den „Wuhan-Virus“ und den „China-Virus“ sind nur ein weiterer Ansporn für hasserfüllte Personen, die Menschen asiatischer Abstammung in der ganzen Welt schikanieren oder sie tätlich angreifen.


Jüdinnen und Juden

Durch das Coronavirus befeuerter Fanatismus und Hass beschränken sich nicht auf Menschen chinesischer Abstammung. Von Verschwörungstheorien aufgehetzt, verstärken antisemitische Gruppen ihre Aktivitäten in den sozialen Medien. In Frankreich war die ehemalige Gesundheitsministerien Agnès Buzyn, die Jüdin ist, Zielscheibe einer brutalen Online-Attacke. In verschiedenen europäischen Ländern sowie im Iran und den USA sind Jüdinnen und Juden fälschlich beschuldigt worden, das Coronavirus gezüchtet und verbreitet zu haben. Dies geschieht vor dem Hintergrund eines bereits stattfindenden, signifikanten Anstiegs von antisemitischen Vorfällen weltweit und Angriffen gegen jüdische Gemeinden in den USA, insbesondere in den letzten Jahren. In Deutschland gab es Berichte über Demonstrationen gegen die Lockdown-Maßnahmen, bei denen der „Judenstern“ sowie antisemitische Banner getragen wurden.

Demonstranten in Großbritannien solidarisieren sich mit der Black Lives Matter-Bewegung nach dem Tod von George Floyd in den USA, der durch Polizeigewalt gestorben war

Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner

Schwarze Menschen werden ebenfalls zur Zielscheibe. Es handelt sich nicht nur um Vorfälle von unverhohlenem Fanatismus und Hass – etwa, dass die Bürgermeisterin von Atlanta, Keisha Lance-Bottoms, eine anonyme SMS erhielt, in der Sie als „N-Wort“ tituliert wurde. Zu beobachten sind auch beunruhigende Schuldzuweisungen – etwa eine abscheuliche Tendenz, manchen Gruppen die Schuld dafür zu geben, dass sie häufiger als andere erkranken. Wir alle sollten selbstverständlich Maßnahmen treffen, um unsere eigene Gesundheit zu schützen und zu verbessern – und das trifft besonders auf Menschen in gefährdeten Gemeinschaften zu. Die hohen Covid-19-Erkrankungs- und Todesraten unter Afroamerikanerinnen und Afroamerikanern resultieren jedoch nicht hauptsächlich aus schlechten Lebensentscheidungen, die Einzelpersonen getroffen haben. Die Hauptursache ist eine System der Rassendiskriminierung, bei dem Schwarze die schlechtesten Wahlmöglichkeiten bezüglich Arbeitsplätzen, Wohnraum und Gesundheitsfürsorge haben. Diese Faktoren richteten in schwarzen Gemeinschaften bereits schwere Schäden an, lange bevor dieser Coronavirus bekannt wurde.

Dies sind lediglich ein paar Beispiele des Hasses; in den USA handelt es sich dabei um ein systemisches Problem. Wir sind Zeuginnen und Zeugen einer Welle von Anfeindungen – für die die Pandemie als Rechtfertigung herangezogen wird – gegenüber Jüdinnen und Juden sowie Menschen asiatischer und afrikanischer Abstammung. Und wir sollten das Phänomen als das erkennen, was es ist: durch Angst getriebener Hass, der die Menschen spaltet. Wir müssen diese körperliche Erkrankung besiegen, ohne unsere Herzen oder unseren Geist mit Angst und Hass zu vergiften. Wir dürfen uns nicht abscheulichen Emotionen hingeben, die uns sicherlich spalten und Wunden hinterlassen werden, deren Heilung Generationen brauchen wird.

Erste Schritte gegen den Hass – Wir können jetzt handeln.

Erstens müssen alle, denen Respekt für alle Menschen wichtig ist, ihre Stimme erheben.

Man kann damit anfangen, indem man für diejenigen eintritt, die stigmatisiert werden, wie es die Bürgermeister von Toronto, New York, Florenz, Philadelphia und anderen Städten getan haben. Wir alle sind verpflichtet, Albert Einsteins Maxime ernst zu nehmen: „Würde ich nichts sagen, wäre ich der Komplizenschaft schuldig.“


Zweitens müssen wir den Hass dokumentieren, wenn er auftritt.

Es ist entscheidend, die häufiger werdenden Beispiele von Hass und Misshandlung sorgfältig nachzuverfolgen, vor allem online. Die neue Kampagne #StopAAPIHate (Stop Asian Americans and Pacific Islanders Hate) dokumentiert Fälle von Online-Schikanierung, -Belästigung, -Hetze und -Gewalt gegen Amerikanerinnen und Amerikaner asiatischer Abstammung und pazifische Insulanerinnen und Insulaner im Zusammenhang mit dem Coronavirus.

Die gemeinnützige Organisation OCA – Asian Pacific American Advocates hat kürzlich ein Instrumentarium gegen Fremdenfeindlichkeit gegen Amerikanerinnen und Amerikaner asiatischer Abstammung entwickelt, das darüber informiert, wo man Hassverbrechen anzeigen kann, und Strategien anbietet, mit denen alle Menschen dem Rassismus begegnen können, wenn sie ihn erkennen.

Lisa Ling von CNN und der ehemalige Präsidentschaftskandidat Andrew Yang verdienen zusätzliche Unterstützung, weil sie ihre Plattformen nutzen, um Alarm zu schlagen.


Drittens sollten wir alle sorgfältig darauf achten, was wir retweeten oder reposten.

Da soziale Medien Falschinformationen und Hass blitzschnell verbreiten können, sind wir mit einer noch nie dagewesenen Herausforderung konfrontiert. Wir müssen stärker daran arbeiten, die zerstörerischen Kräfte der sozialen Medien zu schwächen und ihre Fähigkeit, Gutes zu tun, zu nutzen. Zudem sollten diejenigen, die diese Online-Tools programmieren und gestalten, umsichtiger vorgehen und dabei Missbräuche im Voraus bedenken und Schutzmaßnahmen einbauen. Der Tsunami aus Angstmacherei und Desinformation beweist, dass Silicon Valley nicht länger zuerst Tools bauen und sich erst später über die destruktiven Folgen Gedanken machen darf. Wir müssen Technologie von Anfang an so gestalten, dass alle Dimensionen der menschlichen Natur und des menschlichen Verhaltens berücksichtigt werden.


Viertens müssen wir sicherstellen, dass Fakten nicht durch Spekulationen und Gerüchte übertönt werden.

Verschwörungstheorien und Falschinformationen erschweren den Kampf gegen Krankheiten wie HIV. Heute sind soziale Medien der Ort, wo die Schlacht um unser Verständnis dieser Pandemie zwischen Fakten und versteckten Anspielungen ausgetragen wird. Eine Atmosphäre, die seriöse Fachleute diskreditiert, hat es möglich gemacht, dass Lügen und Hetze sich mit hoher Geschwindigkeit online verbreiten. Facebook, Reddit, Google, LinkedIn, Microsoft, YouTube und Twitter haben erste Schritte unternommen, um Falschinformationen zu begegnen und potenziell gefährliche Debatten in Echokammern zu beenden.

Angesichts der Größenordnung des Problems und der Fähigkeit und Verantwortung der Hightech-Giganten, die katastrophale Verbreitung von Online-Hass zu verhindern, reichen diese Bemühungen jedoch nicht annähernd aus. Wenn Hightech-Unternehmen ihrem Anspruch als Förderer einer demokratischeren Welt gerecht werden wollen, müssen sie viel mehr tun.


Fünftens müssen wir die heute verfügbare hochentwickelte Technik für gute Zwecke wirksam einsetzen.

Zusätzlich zur medizinischen Seite des Coronavirus müssen wir in die Art und Weise investieren, wie künstliche Intelligenz und Machine Learning Hetze, Fanatismus und Hass auf Social-Media-Plattformen erkennen und entfernen können. Mit den richtigen Protokollen und ethischen Erwägungen können künstliche Intelligenz und Machine Learning uns helfen, schnell zu intervenieren, bevor Abscheuliches weiterverbreitet wird. Wir begrüßen die Forschung und die Lobbyarbeit, die Universitäten wie Harvard und andere zu gefährlichen Online-Beiträgen, -Bildern und -Memes mit dem Ziel durchführen, uns für diese und die nächste Pandemie besser zu wappnen.


Und letztlich ist es an der Zeit, unsere Kinder zu diesen Themen zu bilden.

Es ist entscheidend, junge (und auch ältere) Menschen dahingehend zu informieren, dass sie ungerechtfertigte Schuldzuweisungen erkennen. Es ist wichtig, die Voreingenommenheiten, die wir heute feststellen müssen, mit der historischen Vergangenheit in Verbindung zu bringen. Die Anti-Defamation League stellt Ressourcen und Lehrpläne zu den Themen Coronavirus sowie gesteigerten Rassismus und Antisemitismus online zur Verfügung. Die Organisationen The National Association of School Psychologists, Facing History and Ourselves sowie Teaching Tolerance, die mit dem Southern Poverty Law Center verbunden ist, bieten hilfreiche Ressourcen für pädagogische Fachkräfte an.

Ein Demonstrant in New York hält ein Plakat, mit dem er gegen die gesundheitlichen Folgen von Rassismus protestiert

Wir haben gesehen, was geschieht, wenn die Angst die Welt im Griff hat, und wir sind Zeuginnen und Zeugen der gefährlichen Entwicklung, die mit Schuldzuweisungen beginnt und letztlich zu Gewalttätigkeit führt. Wir dürfen nicht zulassen, dass eine Normalität einkehrt, die geprägt ist von unkontrollierbaren Hass der Intoleranten in Kombination mit der stillen Scham der Gleichgültigen. Wir dürfen die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.

Eines Tages werden wir einen Impfstoff gegen Covid-19 finden. Wir werden jedoch niemals ein schnelles Heilmittel für den Fanatismus und Hass, den Rassismus und die Spaltung finden, die die Pandemie mit hervorgebracht hat. Diese Wunden können nur durch einende Führung, weise Entscheidungen und eine bescheidene, laute Weigerung, sich Verschwörungstheorien und unberechtigten Schuldzuweisungen zu beugen, geheilt werden. Dies ist eine Zeit, in der Führungspersönlichkeiten Geschlossenheit zum Ausdruck bringen müssen, statt Angst und Spaltung zu vertiefen.


Autoren

David Kamenetzky

Ehemaliger Vorsitzender der Alfred Landecker Foundation

David Kamenetzky ist der ehemalige Vorsitzende Alfred Landecker Foundation. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in leitenden Managementfunktionen bei globalen Marken, u.a. Anheuser-Busch InBev, Mars, Inc. und Goldman Sachs. Vor dem Wechsel in den privaten Sektor war er in den 1990er Jahren Assistent von Ignatz Bubis s.A., dem damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Van Jones

CNN-Mitarbeiter für politische Angelegenheiten

Van Jones ist CNN-Mitarbeiter für politische Angelegenheiten und Moderator der Van Jones Show und The Redemption Project (Schuld und Vergebung). Er tritt regelmäßig in der politischen Berichterstattung und anderen Programmen von CNN auf. Er ist in Fernsehsendungen wie The Daily Show und Real Time with Bill Maher ein beliebter Gast und ist zudem in House of Cards und dem Dokumentarfilm „The 13th“ von Ava Duvernay aufgetreten.

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