Dr. Andreas Kahrs, Gründer und Geschäftsführer von what matters, begleitet die Reisen inhaltlich und führt die Teilnehmenden zu historischen Orten in der Region Lublin – Orte, an denen sich die Mechanismen der „Aktion Reinhardt“ besonders eindrücklich nachvollziehen lassen. Im Gespräch berichtet er von seiner persönlichen Motivation, diese weniger bekannten Orte stärker in die Erinnerung einzubeziehen, von ihrer besonderen Wirkung auf Besucherinnen und Besucher und davon, warum die Auseinandersetzung mit der „Aktion Reinhardt“ gerade heute eine zentrale Rolle für demokratische Verantwortung und die europäische Erinnerungskultur spielt.
Was hat Sie persönlich dazu bewogen, Menschen an die Orte der „Aktion Reinhardt“ zu begleiten?
AK: Ich habe während meines Studiums in Polen vor fast 20 Jahren erstmals einige mir bis dahin selbst völlig unbekannten Holocaust-Orte besucht. Später habe ich begonnen, auch zu verschiedenen dieser Orte zu forschen. Mir ist schnell klar geworden, dass es ein großes Potential hat, auch andere Menschen an diese Orte zu bringen. Was mich besonders motiviert ist das häufige Feedback von Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass sie die Programme für sich persönlich als ungemein wichtig wahrnehmen, weil sie auf eine ganz neue Perspektive in der Holocaustgeschichte gestoßen sind. Den meisten geht es somit letztlich, wie mir damals. Hinzu kommt, dass ich aus dem Wissen über die Orte auch eine große Verantwortung für mich ableite, sie nicht unbeachtet zu lassen und sie in eine Erinnerungspraxis einzubeziehen.
Worin unterscheidet sich der Besuch der Orte der „Aktion Reinhardt“ von anderen Holocaust-Gedenkstätten?
AK: Die „Aktion Reinhardt“, das deutsche Mordprogramm an den Jüdinnen und Juden im besetzten Polen, hat nicht einen Ort, sondern lässt sich entlang eines mehrtägigen Programms entlang ihrer Entwicklungsschritte an verschiedenen Orten nachvollziehen.
Dadurch ist es möglich, die Rolle von verschiedenen Akteuren in der Geschichte herauszustellen. Neben den Tätern in den Mordlagern und in den Reihen der SS, werden auch weitere deutsche Dienststellen, deutsche Zivilistinnen und Zivilisten, polnische Anwohnerinnen und Anwohner und natürlich auch unterschiedliche Gruppen von Jüdinnen und Juden in der Darstellung der Ereignisse sichtbar. Und zwar oft nicht an symbolisch gestalteten Erinnerungsorten, sondern an echten Orten eines anhand von Stadtplänen, Fotos, Aussagen und Dokumenten überlieferten historischen Geschehens.
Welche zentralen Einsichten gewinnen die Teilnehmenden vor Ort? Gibt es eine Erfahrung oder ein Moment auf einer solchen Reise, der Sie besonders berührt oder überrascht hat?
AK: Häufig bricht die räumliche Erfahrung stark mit bestehenden Vorstellungen über Orte der deutschen Verbrechen. Neben den alltäglichen Orten, an denen noch immer viele Spuren der Geschichte zu finden sind, sind die Teilnehmenden auch von den Gedenkstätten beeindruckt. Sie sind heute als Friedhöfe sehr künstlerisch und fast ohne materielle Hinterlassenschaften gestaltet. Manchmal sind es noch mehr die kleinen Gedenkorte, die einen besonderen Eindruck hinterlassen. Auch mir wird an solchen Orten immer neu bewusst: „Hier hat es stattgefunden“. Beispielsweise in einem Wald, wo die sterblichen Überreste erschossener Jüdinnen und Juden bis heute in Massengräbern liegen und wo wir über das Geschehene oder die betroffenen Menschen konkrete Informationen haben und vermitteln können.
Warum ist es gerade heute wichtig, über die „Aktion Reinhardt“ zu sprechen – insbesondere angesichts von Geschichtsverzerrung und Antisemitismus?
AK: Menschen stellen heute die Frage „Was hat das mit mir zu tun?“ Anknüpfungen an eine eigene Lebenswelt sind eine gute Antwort. Wir können das Schicksal der Menschen beleuchten, die in unseren Städten und Straßen gelebt haben. Mehr als 23.000 deutsche Jüdinnen und Juden wurden im Frühjahr 1942 aus Deutschland in die Region Lublin deportiert. In einigen Projekten nehmen wir eine spezifische Deportation vom Anfang bis zum Ende in den Blick. Ein solcher Fokus eignet sich gut, um Verzerrung von Geschichte entgegenzuarbeiten, weil sie nicht abstrakt erscheint. Außerdem sind Reisen ein elementarer Baustein in der Perspektiverweiterung. Wir müssen Wissen über europäische Erinnerungskultur vermitteln und Menschen die Begegnung miteinander ermöglichen.
Wie erleben Sie, wie die Teilnehmenden während und nach der Reise über Themen wie Demokratie, Verantwortung und Erinnerung sprechen?
AK: Ein wesentlicher Faktor für die Reflexion und den anschließenden Transfer ist der mehrtägige Aufenthalt. Die Gruppengespräche, die den Prozess begleiten, werden moderiert und angeleitet. Wenn die Teilnehmenden sich darauf einlassen, entsteht eine sehr besondere Dynamik. Die Gruppen erleben zusammen emotionale Momente und herausfordernde Orte. Die Fragen nach den Rückschlüssen für die Gegenwart, nach heutigem Antisemitismus und der Rolle der Erinnerung in einer demokratischen Gesellschaft, kommen dabei fast automatisch zur Sprache. Ich erlebe auch, dass häufig ein Verantwortungsgefühl bei den Teilnehmenden erwächst, dass sich aus dem neu erlangten Wissen und der Begegnung mit den unbekannten Orten speist. Mit diesen Erkenntnissen wollen viele aktiv werden, wenn sie zurück im Alltag sind.