Erinnerungskultur im digitalen Raum
Iris Groschek über das rememBarcamp und die Zukunft digitaler Erinnerungsarbeit


Beim 5. rememBarcamp im Juli 2026 in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme diskutierten Fachleute aus Gedenkstätten, Archiven und Dokumentationszentren, wie digitale Erinnerungsarbeit weiterentwickelt werden kann. Zentrale Themen: der Umgang mit KI-generierten Falschbildern, digitale Zugänge zu Archiven und Quellen  –  und die Frage, wie Gedenkstätten ihre gesellschaftliche Relevanz im Netz sichtbar machen können.

Dr. Iris Groschek ist Leiterin Öffentlichkeitsarbeit und Social Media der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen und Mitinitiatorin des rememBarcamp. Im Interview erläutert sie, was das rememBarcamp auszeichnet und warum digitale Erinnerungsarbeit Menschen erreicht, die eine Gedenkstätte vielleicht nie besuchen würden.

Was ist das rememBarcamp und wie ist es entstanden?

Iris Groschek: Das rememBarcamp ist ein Barcamp für Menschen, die an Erinnerungsorten, Gedenkstätten und anderen historisch-politischen Institutionen im digitalen Bereich arbeiten – etwa mit Social Media, digitalen Vermittlungsformaten, Games oder Datenbanken.

Ein Barcamp bietet die Möglichkeit, Gleichgesinnte zu treffen, Erfahrungen auszutauschen, voneinander zu lernen und gemeinsam neue Projekte oder Kampagnen zu entwickeln.

Das Format gibt es inzwischen seit fünf Jahren. Wir treffen uns jedes Jahr an einer anderen Gedenkstätte – angefangen in Ravensbrück, dieses Mal in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Dadurch lernen wir nicht nur die Orte kennen, sondern auch unterschiedliche Arbeitsweisen und neue Menschen. Jedes Mal sind auch neue Menschen dabei. Gerade für diejenigen, die in ihren Institutionen oft allein für digitale Themen zuständig sind, ist das enorm wertvoll.

Warum findet das rememBarcamp immer an einer Gedenkstätte statt?

IG: Natürlich vernetzen wir uns das ganze Jahr über digital. Aber persönliche Begegnungen sind unersetzlich. Erst im direkten Austausch entstehen neue Ideen und Kooperationen.

Jede Gedenkstätte arbeitet anders mit digitalen Formaten. Diese unterschiedlichen Perspektiven kennenzulernen, inspiriert und führt häufig zu neuen Projekten. Gleichzeitig bleibt man unmittelbar mit dem jeweiligen Erinnerungsort verbunden.

Was macht das rememBarcamp als Format besonders?

IG: Viele Menschen, die im digitalen Bereich arbeiten, sind in ihren Einrichtungen Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer. Beim rememBarcamp treffen sie auf andere Kolleginnen und Kollegen mit ähnlichen Herausforderungen. Wir tauschen Best Practices aus, entwickeln gemeinsam Lösungen und knüpfen langfristige Kontakte. Ein wesentlicher Vorteil besteht in der Möglichkeit, flexibel und kurzfristig auf aktuelle Entwicklungen zu reagieren: Sessions werden erst vor Ort vorgeschlagen und ausgewählt. Dadurch greifen die Diskussionen aktuelle Themen und Entwicklungen unmittelbar auf.

Besonders wichtig ist der kollaborative Charakter. Viele Projekte entstehen genau hier. So wurde beispielsweise die Social-Media-Kampagne #GeradeJetzt auf einem rememBarcamp entwickelt und später gemeinsam umgesetzt.

Was unterscheidet ein Barcamp von einer klassischen Konferenz?

IG: Bei einem Barcamp gibt es keine klassischen Referierenden und kein festes Programm. Jede teilnehmende Person kann ein Thema, eine Frage oder ein Projekt mitbringen. Gemeinsam wird entschieden, welche Sessions stattfinden. Deshalb wissen wir am Anfang noch gar nicht genau, worüber diskutiert wird. Am Ende zeigt sich jedoch immer sehr deutlich, welche Themen die digitale Erinnerungsarbeit aktuell bewegen und welche Entwicklungen im kommenden Jahr relevant sein könnten.

Welche Themen standen in diesem Jahr im Mittelpunkt?

IG: Ein zentrales Thema war künstliche Intelligenz – von den Herausforderungen durch KI-generierte Fakebilder bis zu den Chancen bei der Erschließung großer Datenbestände und der Arbeit mit digitalen Archiven.

Daneben spielten Social Media, Games und digitale Strategien eine wichtige Rolle. Gleichzeitig ging es immer wieder um die Frage, wie Gedenkstätten ihre gesellschaftliche Relevanz im digitalen Raum sichtbar machen und gemeinsam größere Wirkung erzielen können.

Warum ist digitale Erinnerungsarbeit heute so wichtig?

IG: Gedenkstätten sind längst nicht mehr nur Orte, die Menschen physisch besuchen. Erinnerungskultur muss heute auch dort stattfinden, wo gesellschaftliche Debatten geführt werden – im digitalen Raum. Dort erreichen wir Menschen, die vielleicht nie eine Gedenkstätte besuchen würden. Gleichzeitig begegnen wir dort Herausforderungen wie Algorithmen, Desinformation oder Fake News. Gerade deshalb ist es wichtig, dass Gedenkstätten als glaubwürdige, wissenschaftlich arbeitende Institutionen präsent sind und recherchierte, evidenzbasierte Inhalte vermitteln. Digitale Besucherinnen und Besucher verdienen dieselbe Aufmerksamkeit wie diejenigen, die eine Gedenkstätte vor Ort besuchen.

Welche Chancen entstehen durch das Netzwerk?

IG: Das Besondere am rememBarcamp ist der Austausch: Menschen, die an der Schnittstelle von Digitalität und Erinnerungskultur arbeiten, kommen mit Ideen zusammen, entwickeln sie weiter und inspirieren sich gegenseitig. Weil es auf dem Barcamp keine Hierarchien gibt, begegnen sich alle auf Augenhöhe – unabhängig davon, ob jemand eine Institution leitet oder im Rahmen eines Projektes Social-Media-Content erstellt. So entstehen neue Impulse, die zu Kampagnen und Kooperationen werden und sich anschließend über das ganze Jahr hinweg weiterentwickeln.

Was hat das rememBarcamp langfristig bewirkt? 

IG: Das rememBarcamp war Ausgangspunkt dafür, dass sich die digitale Erinnerungsarbeit überhaupt stärker vernetzt hat. Wir sind sichtbarer geworden. Aus einem rememBarcamp entstand auch die AG Digital History & Memory.

Gemeinsam setzen wir Themen, entwickeln neue Strategien und stärken die Rolle digitaler Erinnerungsarbeit innerhalb unserer Institutionen. Gleichzeitig machen wir deutlich, wie wichtig Kompetenzen wie Community Management, Content Creation oder digitale Bildungsformate für die Zukunft der Erinnerungskultur sind.

Ich hoffe, dass diese Bedeutung künftig noch stärker erkannt wird und entsprechende Stellen und Ressourcen geschaffen werden.

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