Winter ist seit Januar 2021 Alfred Landecker Lecturer am Historischen Seminar der Universität Leipzig. Er forscht zu "Unternehmenskultur, Zwangsarbeit und Judenmord beim Leipziger Rüstungskonzern HASAG". Im Gespräch unterstreicht er, welches Potenzial die neuen Quellen für eine vertiefte Auseinandersetzung mit Täterschaft und gesellschaftlichem Mitmachen im Nationalsozialismus bieten. Zugleich macht er deutlich, warum eigenständige Recherche historisches Kontextwissen erfordert und weshalb die digitale Verfügbarkeit der Daten zwar neue Zugänge eröffnet, aber keine einfachen Antworten liefert.
Die NSDAP-Mitgliedskarteien sind nun erstmals umfassend online zugänglich. Was verändert dieser neue Zugang für die Gesellschaft und die Forschung?
MCW: Das gesellschaftliche Interesse scheint riesig zu sein. Das ist eine große Chance, die nationalsozialistische Vergangenheit im Nahbereich – in diesem Fall vor allem in der eigenen Familie – immer wieder neu zu thematisieren. Auch Menschen, die eine Anfrage beim Bundesarchiv bislang gescheut haben, haben nun die Möglichkeit, einen ersten Blick in diese Unterlagen zu werfen.
Für die Forschung vereinfacht sich der Zugang erheblich, da man von überall und jederzeit auf die Unterlagen zugreifen kann. Eigenständig nicht nur nach Namen, sondern auch experimentell nach bestimmten Orten oder Begriffen suchen zu können, ermöglicht auch andere Zugriffe auf die Daten. Und übergeordnet kann man die Öffnung dieser Karteien als Zeichen dafür sehen, dass auch nach Jahrzehnten nicht vergessen wird, wie sich historische Akteure verhalten.
Die neuen Daten ermöglichen es vielen Menschen, erstmals die NS-Vergangenheit der eigenen Familie zu erforschen. Was gilt es bei der Recherche und Auswertung der Ergebnisse zu beachten?
MCW: Die Möglichkeit, quellengestützt mehr über die NS-Vergangenheit in der Familie zu erfahren, besteht ja schon lange. Offenbar haben das viele bisher nicht getan und hoffen nun, dies mit wenigen Klicks nachholen, vielleicht auch „erledigen“ zu können. Man muss aber wissen, dass das keine Datenbank ist, die fertige Ergebnisse liefert, sondern eine riesige Sammlung von Quellen, in die man sich teilweise mühevoll hineinarbeiten muss. Wichtig ist es, eigene Funde – und auch Fehlanzeigen – richtig zu interpretieren. Was sagt es uns denn, wenn eine NSDAP-Mitgliedschaft gefunden wird – oder eben nicht? Dafür braucht es historischen Kontext und in der Regel auch weitere Quellen, die in der Sammlung nicht enthalten sind. Deswegen ist eine professionelle Beratung oder Anfrage im Bundesarchiv nach wie vor sinnvoll.
Welche Grenzen haben die Daten, und warum ist es wichtig, sie im historischen Kontext zu interpretieren?
MCW: Wenn man dort eine Karteikarte findet, heißt das erstmal, dass diese Person zu einem bestimmten Zeitpunkt in die NSDAP eingetreten ist. Das ist ungeachtet möglicher Motivation ein Signal der Zustimmung zum Nationalsozialismus – selbst wenn man vielleicht Opportunismus unterstellt. Das vermerkte Eintrittsdatum kann Hinweise darauf geben, wie früh sich jemand der „Bewegung“ verschrieben hat. Aber dann gehen die Fragen eigentlich erst los: Warum ist er oder sie eingetreten? In welchen NS-Organisationen war man noch aktiv? Und wie hat man den NS darüber hinaus unterstützt? Darauf bietet eine Karteikarte kaum Antworten, deswegen ist sie eher ein Einstieg in weitere Recherchen.
Und umgekehrt: wenn ich eine Person in diesen Unterlagen nicht finde, ist das natürlich kein Beweis dafür, dass er oder sie mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun hatte.
Welche neuen Erkenntnisse ergeben sich daraus konkret für Ihre Forschung und das Verständnis von Täterschaft bei der HASAG?
Da kein Unternehmensarchiv überliefert ist, gibt es keine Personalkarteien – weder von den zehntausenden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, noch von den deutschen Angestellten sowie Arbeiterinnen und Arbeiter bei der HASAG. Man muss alle Informationen aus anderen Quellen zusammensetzen. Große, frei zugängliche Datensätze wie im Fall der NSDAP-Karteien fügen hier zahlreiche Puzzlestücke hinzu. Ich konnte beispielsweise mit den Karteien erstmals einige berüchtigte NS-Täter aus dem Unternehmen eindeutig identifizieren. Überlebende der „Judenlager“ der Firma kannten manche Namen nur vom Hörverstehen. Durch die breit angelegte Suche in der Kartei liegen nun ihre genauen Daten vor, die weitere Recherchen ermöglichen. Manche haben durch die beigefügten Fotos jetzt auch ein Gesicht bekommen und werden dadurch greifbarer.
Was können diese neuen Quellen und Deine Forschung zur HASAG dazu beitragen, die Auseinandersetzung mit nationalsozialistischer Gewalt und Verantwortung heute weiterzuentwickeln und zu vertiefen?
Bei den ersten Recherchen habe ich Karteikarten zu über 60 Personen aus dem HASAG-Komplex finden können. Und das sind mit Sicherheit noch nicht alle. Ausgehend von diesen Unterlagen kann der Blick auf die nationalsozialistische „Betriebsgemeinschaft“ als Keimzelle der „Volksgemeinschaft“ geweitet werden. Hier schauen wir nicht nur auf bekannte Täter oder hochrangige Funktionäre, sondern auch auf die „ganz normalen“ Parteimitglieder im Unternehmen. Das steht beispielhaft für eine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, die statt prominenten Einzeltätern eher soziale Mechanismen und das alltägliche Mitmachen untersucht. Dabei dürfen wir zugleich natürlich nicht nur auf die NSDAP blicken, denn man musste ja keinesfalls Parteimitglied sein, um den Nationalsozialismus zu unterstützen.