Für Lena Altman, Co-CEO der Alfred Landecker Foundation, war es auch eine sehr persönliche Reise – zurück an Orte, die eng mit dem Schicksal Alfred Landeckers und mit den weniger sichtbaren Kapiteln unserer deutschen Erinnerungsgeschichte verbunden sind.
„Vor zwanzig Jahren war ich zum ersten Mal in Bełżec – kurz nach der Eröffnung der Gedenkstätte. Damals wie heute nahm mir dieser Ort den Atem.
Zwischen 1942 und 1943 ermordeten die Nationalsozialisten im Rahmen der sogenannten ‚Aktion Reinhardt‘ rund 1,8 Millionen Jüdinnen und Juden. Orte wie Bełżec, Sobibór, Treblinka und Majdanek stehen exemplarisch für diese systematische Vernichtung. Weniger bekannt, aber ebenso zentral, sind Transitghettos wie Izbica und Piaski – Orte des Wartens, der Angst und der Täuschung.
Hierher wurden Juden aus ganz Europa deportiert, auch aus Deutschland und den Niederlanden, bevor sie weiter in die Vernichtungslager geschickt wurden. Alfred Landecker selbst wurde 1942 aus Mannheim nach Izbica deportiert. Von dort stammt auch das letzte Dokument, das von ihm erhalten ist: Ein Brief an seine Kinder, in dem er sie bittet, ihm Lebensmittel zu schicken. Unsere Stiftung trägt seinen Namen, um an sein Schicksal und an das von sechs Millionen ermordeten Juden zu erinnern.
Und gleichzeitig war diese Reise auch eine Spurensuche nach dem reichen jüdischen Leben, das die Region Lublin über Jahrhunderte geprägt hat. Izbica war einer von vielen “Schtetln” in Südostpolen – Orten, in denen jüdisches Leben seit dem Mittelalter das wirtschaftliche, religiöse und kulturelle Zentrum bildete.
Heute erinnert in Izbica, Piaski und vielen anderen Orten fast nichts mehr daran. Ein Gedenkstein außerhalb des Ortes, ein weiterer auf dem jüdischen Friedhof – das ist alles. Dazwischen: unmarkierte Massengräber, Orte der Demütigung und Erschießung, vermüllt, überwuchert, ohne Hinweise darauf, was hier geschehen ist – und dass dies einmal ein wichtiger Ort jüdischen Lebens war, lange vor der deutschen Besatzung. Diese Leerstelle macht das Ausmaß der Auslöschung sichtbar. Ohne die fachkundige Begleitung von Dr. Andreas Kahrs und Nora Zirkelbach von what matters wäre vieles unsichtbar geblieben.
Hier wird auch deutlich, wie systematisch und arbeitsteilig der Holocaust organisiert war. In Bełżec und Sobibór organisierten rund 120 Männer den Mord an etwa 740.000 Menschen. Viele von ihnen kamen aus der sogenannten ‚Aktion T4‘, dem Mordprogramm an Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen in Deutschland. Bełżec wurde bereits nach wenigen Monaten wieder geschlossen – die Spuren des Verbrechens weitgehend beseitigt. Die Täter feierten den Abschluss ihrer ‚Mission‘ mit Reisen nach Berlin und Potsdam, gemeinsam mit ihren Ehefrauen.
Ein weiterer zentraler Ort der Reise war Majdanek. Hier erinnert die von den Nationalsozialisten zynisch benannte ‚Aktion Erntefest‘ an eines der größten Massaker des Holocaust: Im November 1943 wurden in Majdanek und Umgebung innerhalb von nur zwei Tagen über 42.000 jüdische Frauen, Männer und Kinder erschossen.
Eine der wenigen weiblichen Überlebenden schilderte später, wie ihre zehnjährige Tochter nackt am Rand der Grube kniete, in der Kälte, vor sich die Leichenberge. Das Kind bat ihre Mutter, ihr die Augen zuzuhalten, weil sie solche Angst hatte. Die Mutter tat es – und spürte im nächsten Moment, wie die Kugel ihre eigene Hand durchschlug. In diesem Augenblick wusste sie, dass ihre Tochter ermordet worden war.
Solche Geschichten entziehen sich jeder Sprache.
Besonders eindrücklich war für mich ein stiller Moment an der Gedenkwand in Bełżec: die Vornamen meiner eigenen Kinder – zwischen tausenden anderen Namen. Ein kurzer Augenblick, der die Distanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufhebt.
Diese Reise hat mich noch einmal darin bestärkt, wie konkret Erinnerung sein muss. Gerade in Deutschland erleben wir, wie immer wieder Schlussstrichdebatten geführt werden – als ließe sich Verantwortung historisch beenden. Gleichzeitig leben noch Überlebende der Shoah unter uns.
Für uns als Alfred Landecker Foundation ist deshalb klar: Wir dürfen Erinnerung nicht als abgeschlossene Vergangenheit behandeln. Wir unterstützen Holocaust-Überlebende in aller Welt dabei, in Würde altern zu können – weil ihre Lebensrealität Teil unserer Gegenwart ist, nicht nur unserer Geschichte.
Gleichzeitig arbeiten wir an einer lebendigen und zeitgemäßen Erinnerungskultur: mit Ausstellungen, Bildungsreisen, Serious Games und Forschung zu unterbelichteten Aspekten des Holocaust; mit der Förderung von Organisationen, die passgenaue Antworten auf Antisemitismus in Kunst und Kultur, im Sport, in Behörden, Schulen und Universitäten entwickeln; und mit Initiativen zur Stärkung jüdischen Lebens.
Gerade die weniger bekannten Kapitel der Shoah sichtbar zu machen, bleibt eine zentrale Aufgabe – auch weil hier noch viel zu tun ist. Zu viele Orte sind vergessen, zu viele Geschichten nicht erzählt, zu viele Spuren ausgelöscht oder dem Zufall überlassen.
Die Reise ‚Im Schatten von Auschwitz‘ hat mir noch einmal gezeigt, wie wichtig es ist, diese Orte aufzusuchen, Wissen weiterzugeben und Erinnerung aktiv zu gestalten – nicht nur als Blick in die Vergangenheit, sondern als Verantwortung für die Gegenwart.“
Viele der Teilnehmenden beschreiben die Reise als weit mehr als eine historische Bildungsfahrt. Die unmittelbare Begegnung mit den Orten der Vernichtung, den Einzelschicksalen und den oft kaum sichtbaren Spuren jüdischen Lebens hat nicht nur Wissen vertieft, sondern persönliche Gewissheiten erschüttert, Sprachlosigkeit ausgelöst und zugleich ein neues Verantwortungsgefühl entstehen lassen.
Was in den Rückmeldungen immer wieder deutlich wird: Aus dem Erleben vor Ort wächst nicht nur Erinnerung, sondern auch Haltung – ein geschärfter Blick für Antisemitismus und Ausgrenzung in der Gegenwart, ein stärkeres Bewusstsein für die eigene Verantwortung und oft auch das Gefühl, in diesem Engagement Verbündete gefunden zu haben.
Das sagten die Teilnehmenden der Reise:
Christian Schleicher, Stellvertretender Leiter Politische Bildungsforen und Leiter Politische Bildungsforen Süd, Konrad Adenauer Stiftung
“Eine hervorragend konzipierte und durchgeführte Bildungsreise, bei der der Fokus auf einer behutsamen Annäherung an das Thema und die Orte des Schreckens lag. Die Darstellung von Einzelschicksalen war ein zentraler Ansatz, um das Ausmaß der Aktion Reinhardt und das immense Leid der jüdischen Opfer greifbar und nachvollziehbar zu machen. Damit erreichten die Veranstalter, dass den abstrakten Opferzahlen von 1,8 Millionen Menschen Gesichter und Namen gegeben wurden. Überdies ist positiv zu bewerten, dass sich verschiedene Akteure, die in Sachen Erinnerungsarbeit und Antisemitismus tätig sind, untereinander vernetzen konnten. Eine Reise, die noch sehr lange nachhhallen wird!”
Thomas Ziem, Kontaktperson für gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Zentralstelle Prävention – Landeskriminalamt Berlin
“Die Reise ‚Im Schatten von Auschwitz‘ war eine unvergleichliche Erfahrung. Vier Tage lang konnten wir uns dank der Expertise des what-matters-Teams intensiv mit den weniger bekannten Orten und Geschehnissen der Shoa auseinandersetzen und dabei tiefgehende Einblicke in dieses dunkle Kapitel der Menschheitsgeschichte gewinnen. Dank der Unterstützung durch die Alfred Landecker Foundation und den World Jewish Congress kam eine beeindruckende Gruppe unterschiedlicher Menschen zusammen, die durch diese Reise nach Ostpolen um eine unvergessliche Erfahrung bereichert wurde.”
Katharina Bartsch, Wissenschaftlicher Mitarbeiterin im Wahlkreisbüro von Konstantin von Notz, MdB (Bündnis 90/Die Grünen)
Ich durfte auf Einladung der Alfred Landecker Foundation und des World Jewish Congress an einer Reise nach Lublin teilnehmen. Vier Tage lang habe ich in einen Abgrund der Menschlichkeit geblickt. Ich habe Details und Zusammenhänge kennengelernt, die mir zuvor unbekannt waren – Zeugnisse eines totalen Zusammenbruchs von Zivilisation und Moral. Diese Eindrücke haben mich an die Grenzen dessen gebracht, was ich aushalten konnte. Mein Kopf ist gefüllt mit Bildern und Berichten, die mich tief entsetzten. Und zugleich ist mein unerschütterlicher Wille bestärkt, allem, was unsere Gesellschaft heute erneut in Richtung Faschismus drängt, mit Allem was ich habe entgegenzutreten. Ich kehre mit Entsetzen im Kopf zurück. Getragen wurde ich dabei von einer Gruppe von Menschen, die mich aufgefangen hat, wenn ich verzweifelt war – die ihre Geschichten, Gedanken und ihr Wissen mit mir geteilt hat. Menschen, die ich nun an meiner Seite weiß im gemeinsamen Einsatz gegen Antisemitismus, Rassismus und jede Form von Menschenfeindlichkeit. Dass in so kurzer Zeit eine so starke Gemeinschaft entstehen konnte, ist auch den unglaublich erfahrenen und einfühlsamen Guides Nora und Andreas zu verdanken. Für die Möglichkeit, an dieser Reise teilnehmen zu dürfen – und vor allem für die Begegnung mit diesen besonderen Menschen – bin ich im Herzen dankbar
Sandra Görgen, Büro des Beauftragten für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus Dr. Felix Klein, Bundesministerium des Innern
Ich danke der Alfred Landecker Foundation und dem WJC vielmals für die Möglichkeit, an dieser Reise nach Polen teilnehmen zu dürfen. Die Reise „Im Schatten von Auschwitz“ hat mir gezeigt, dass ich einiges weiß, aber so vieles nicht weiß. Ein Schatten kann sehr große Ausmaße erreichen und als ein solch unfassbares Ausmaß habe ich die Ortes des Massenmordes in Bełżec, Sobibor und Majdanek wahrgenommen. Wie wichtig es ist, diese Orte, Transitghettos und in Vergessenheit zu drohende und teils entweihte Friedhöfe zu schützen, ist mir dort noch stärker bewusst geworden. Dr. Andreas Kahrs und Nora Zirkelbach von what matters GmbH schaffen es, geografische und historische Details und individuelle Schicksale ermordeter Juden und Überlebender auf hervorragende Weise zu vermitteln. Was wirkt nach? Der Ohnmacht vor Ort und einer Sprachlosigkeit folgt jetzt die Frage: Wie gelingt es, dass Erinnern nach mehr als 80 Jahren nicht verblasst und „genug“ ist? Ich bin Zeugin des Zeugnisses geworden und das ist jetzt meine Verantwortung.
Anja Spiller, Referentin - Task Force für jüdisches Leben, Zivilgesellschaft und interreligiösen Dialog, Abteilung Demokratie und Engagement, Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Diese Reise hat noch einmal gezeigt, wie wichtig es ist, nicht nur über „Nie wieder!“ zu reden. Viel wichtiger ist es, die Orte der Massenvernichtung zu besuchen; die wenigen Zeugnisse jüdischer Kultur, die zunehmend verschwinden, zu pflegen sowie Verbündete zu finden für die Arbeit heute - für Demokratie und gegen Antisemitismus.
Finja Marie Grotkasten, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Donata Vogtschmidt, MdB (Die Linke)
Die Reise zu den "vergessenen" Orten des Holocaust hat mir die Vielschichtigkeit der Geschehnisse nochmals eindrücklich vor Augen geführt: Neben präzise organisierten Strukturen wirkten auch Zufälligkeiten und ein schrittweises Hervorbringen und Anpassen von Gewaltpraktiken – getragen von Tätern, die von überzeugten Akteuren bis zu unreflektierten Mitläufern reichten und so gemeinsam den beispiellosen NS-Vernichtungsapparat ermöglichten. Auch die Erinnerungskultur in Polen lernten wir, als komplex und von unterschiedlichen Perspektiven geprägt kennen. Gerade deshalb sind die konkreten Orte und die Arbeit mit Quellen im regionalen Kontext zentral, um das Geschehene nicht zu abstrahieren. Aus dieser Komplexität des Erinnerns erwächst eine ebenso vielschichtige Verantwortung: Faschismus in all seinen Kontinuitäten und (Neu-)Anfängen entschieden entgegenzutreten – nicht nur im Offensichtlichen, sondern gerade auch im Kleinen, im Unauffälligen und im scheinbar Harmlosen. Erinnern darf dabei kein Selbstzweck bleiben, sondern muss in ein aktives Handeln übergehen: Räume für jüdisches Leben und Kultur zu schützen und zu stärken - und zugleich wachsam und konsequent gegen jene Kräfte einzutreten, die diese Räume bedrohen und einschränken wollen. Diese Reise war zugleich ein Innehalten und ein erneutes, vertieftes Bewusstwerden historischer wie gegenwärtiger Zusammenhänge – und zugleich soll sie Ausgangspunkt für ein geschärftes Verantwortungsgefühl sein, das im bewussten Handeln sowohl in Alltag als auch im Arbeitskontext wirksam wird. Eine große Bereicherung, dass ein solches Programm diese Form des Lernens und Erinnerns eröffnet; Danke!
Sarah Laubenstein, Referentin in der Regierungskoordination zu Antisemitismus, Antidiskriminierung und Gleichstellung, Senatskanzlei Berlin
Die Reise nach Lublin, Belzec, Sobibor, Majdanek und zahlreiche weitere Orte wird mir aus vielen Gründen unvergesslich bleiben. Zum einen durch die Monumentalität der Vernichtung der polnischen Jüdinnen und Juden, die uns durch das unglaublich kenntnisreiche und didaktisch sensible Team Andreas Kahrs und Nora Zirkelbach nochmals besonders drastisch vor Augen geführt wurde und die mich – nicht zum ersten Mal, aber um viele mir bisher nicht immer bewussten Facetten reicher - sprachlos zurücklässt.
Zum anderen durch die Menschen, denen ich durch diese Reise begegnen durfte. Nicht nur konnten wir uns alle beruflich vernetzen und uns so im Kampf gegen Antisemitismus gegenseitig stärken; auch menschlich waren es ungemein wertschätzende Begegnungen, die mich tief berührt haben und für deren Ermöglichung ich der Alfred Landecker Foundation und dem World Jewish Congress sehr dankbar bin.
Dr. Ingrid von Stumm, Referat H III 3 ‚Bekämpfung Antisemitismus‘, Bundesministerium des Innern
Die Reise „Im Schatten von Auschwitz“ hat mich tief berührt und mir gezeigt, wie wenig ich bisher über das Unfassbare erfahren und verstanden habe. Andreas und Nora haben mit ihrer Kombination aus verschiedenen Zugängen, kleinen Akzenten und großen Zusammenhängen ein neues und differenzierteres Bild des monströsen Verbrechens und seiner Täter gezeichnet. Dass wir direkt vor Ort waren und in die Opferschicksale unmittelbar hineinspüren konnten, hat das Seine dazu beigetragen.
Ich glaube, dass ich durch diese Reise ein anderes, fundierteres Bild von meiner Aufgabe – der Antisemitismusbekämpfung – und ihrer Bedeutung gewonnen habe. Dazu haben auch die vielen oft ganz persönlichen Gespräche aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Gruppe beigetragen. Vielleicht sind wir als Gruppe gerade durch die extreme Erfahrung des gemeinsamen Erlebens der Orte des Grauens in dieser kurzen Zeit besonders eng zusammengewachsen.
Julia Löffler, Referentin für Kulturpolitik, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag
Ich bin sehr dankbar, diese Reise gemacht haben zu dürfen. Nach meiner Rückkehr habe ich mich mit vielen Menschen in meinem privaten und beruflichen Umfeld gesprochen und es wurde deutlich wie wenig wir eigentlich aufgeklärten Menschen von den Verbrechen der Nationalsozialisten im heutigen Ostpolen wissen. Es ist kaum erklärbar, dass es im Jahr 2026 noch Massengräber gibt, über die heutzutage Trampelpfade führen. Nach all dem Leid wurden den Opfern bis heute nicht würdig gedacht und wir lassen es alle zu. Dies zu begreifen ist nur möglich, wenn man die Chance erhält eine Reise zu unternehmen mit kompetenter wissenschaftlicher Einordnung und Begleiter*innen, bei denen man sich emotional aufgehoben fühlt. Dies alles war bei unserer Reise im April 26 gegeben und sie wird alle Teilnehmenden noch lange begleiten und gleichzeitig Auftrag sein, die Toten in lebhafter Erinnerung zu halten und ihr Andenken zu bewahren. Hier gibt es noch viel zu tun und ich wünsche mir, dass noch viele andere Menschen die Gelegenheit haben, diese tief berührenden Erfahrungen zu machen.