„Durch ein Wunder lebe ich noch“ – mit diesen Worten beginnt Arthur Feige seinen Brief vom 13. März 1946. Wie viele der Schreiben in „Nach so viel Schmerz und Pein – Erste Briefe nach dem Holocaust“ war auch dieser Brief nicht für ein Archiv oder die Nachwelt bestimmt. Er war ein persönliches Lebenszeichen.
Vor einem vollbesetzten Saal lasen Iris Berben und Oliver Masucci aus Briefen jüdischer Überlebender, die kurz nach ihrer Befreiung Angehörigen und Freunden mitteilten, dass sie noch lebten und Halt suchten, in einer für sie zerstörten Welt.
Zu Beginn erinnerten Kai Diekmann, Vorsitzender des Freundeskreises Yad Vashem, und Verleger Manuel Herder an die Entstehung des Buches. “Viele dieser Briefe wurden ursprünglich auf Deutsch verfasst,” betonte Kai Diekmann. Als er vor zehn Jahren den englischen Band in den Händen hielt, sei für ihn deshalb klar gewesen, dass er auch auf Deutsch erscheinen müsse.
Nun liegt der Band auf Deutsch vor, herausgegeben von den Yad Vashem-Historikern Robert Rozett und Iael Nidam-Orvieto. Er versammelt Schreiben jüdischer Überlebender aus der unmittelbaren Zeit nach der Befreiung. Die Briefe entstanden in unterschiedlichen Ländern und Sprachen und dokumentieren sehr verschiedene Erfahrungen: von Menschen, die Konzentrationslager überlebten, als Partisaninnen und Partisanen kämpften oder sich im Untergrund versteckten. Historische Einordnungen erschließen zu jedem Dokument den biografischen, geografischen und zeitgeschichtlichen Kontext.
Was die Überlebenden selbst mitteilen wollten
Die besondere Bedeutung dieser Briefe liegt auch in ihrem Entstehungsmoment. Anders als viele später verfasste Erinnerungsberichte entstanden sie nicht Jahrzehnte nach dem Holocaust und nicht als Antworten auf die Fragen von Historikerinnen und Historikern. Die Verfasserinnen und Verfasser entschieden selbst, was sie unmittelbar nach der Befreiung mitteilen wollten: dass sie überlebt hatten, wen sie verloren hatten, nach wem sie noch suchten – und wie ein Weiterleben überhaupt möglich sein konnte.
Wie unterschiedlich diese ersten Nachrichten waren, zeigen einzelne Briefe des Bandes. Recha Oettinger, 1872 geboren und am 8. Mai 1945 in Theresienstadt befreit, schrieb am 1. August 1945 an ihre Tochter Grete und ihren Schwiegersohn Ernst in den USA. Die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrem Sohn Herbert, seiner Frau Betty und ihren Kindern sei „bis auf ein Winziges zusammengeschrumpft“. Angesichts des Verlusts fragte sie: „ich bin verdammt, weiterzuleben – wozu u. weshalb?“
Grischa Birman schrieb bereits am 4. September 1944, einen Monat nach seiner Befreiung, aus Kaunas an ein befreundetes Ehepaar: „Ich schreibe Ihnen einen Brief wie aus dem Jenseits“. In seinem Schreiben berichtete er von der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung seiner Heimatstadt und davon, dass von rund 40.000 Jüdinnen und Juden, die dort vor dem Krieg gelebt hatten, nur noch etwa 700 überlebt hätten.
Die Briefe zeigen damit, warum „Befreiung“ für viele Überlebende kein glücklicher Endpunkt war, sondern der Beginn einer schmerzhaften Suche nach Angehörigen, Zugehörigkeit und Zukunft. Mit dem Ende der unmittelbaren Verfolgung begann zugleich die Konfrontation mit dem Ausmaß des Verlusts: Angehörige mussten gesucht, Todesnachrichten überbracht, Familien wieder zusammengeführt und neue Lebensperspektiven gefunden werden.
In ihrer Keynote würdigte Bundesbildungsministerin Karin Prien den Band als Meilenstein der Erinnerungskultur. Die Briefe berichteten vom größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte und zugleich von der inneren Stärke derer, die die Shoah überlebt hatten. „Mit diesen Briefen verbinde ich die Hoffnung, kommenden Generationen Zeugnisse zu hinterlassen, die das Erlebte fassbar machen, um Mitgefühl, Verständnis und nicht zuletzt den Wert unserer Demokratie zu vermitteln.“
Prof. Dan Michman, ehemaliger Leiter des Internationalen Instituts für Holocaustforschung in Yad Vashem, ordnete die Briefe wissenschaftlich ein. Er sprach zugleich als Sohn einer Briefeschreiberin, deren Zeilen in dem Band abgedruckt sind. Michman zeigte auf, welche Bandbreite an Reaktionen die Schreiben dokumentieren: von Erschöpfung über den Willen zum Weiterleben bis zum Wunsch, künftige Generationen zu einer humaneren Welt zu erziehen.
Nur Ben-Shalom und Francesca Zappa begleiteten den Abend musikalisch mit Klarinette und Viola. Die Journalistin Tanit Koch führte durch die Veranstaltung.
Warum wir dieses Projekt unterstützen
Zum Abschluss erinnerte Lena Altman an den Namensgeber der Alfred Landecker Foundation. Im April 1942 wurde er aus Mannheim in das Transitghetto Izbica deportiert. Von dort schrieb er einen Brief an seine Kinder. Dieser Brief ist das letzte Lebenszeichen von ihm. „Als Stiftung, die seinem Andenken verpflichtet ist, wollen wir die Stimmen derjenigen bewahren, die wieder schreiben konnten – und an jene erinnern, denen jedes weitere Lebenszeichen genommen wurde”, sagt Lena Altman, CEO der Alfred Landecker Foundation. „Jeder erste Brief in diesem Band beginnt mit der Hoffnung auf eine Antwort. Achtzig Jahre später sind wir zu den Adressaten dieser Worte geworden.“
Mit der deutschen Ausgabe werden diese unmittelbaren Zeugnisse erstmals einem breiteren deutschsprachigen Publikum zugänglich. Weitere Formate werden folgen, darunter eine Lesereise durch Deutschland und Österreich und eine Social-Media-Kampagne. Unser Dank gilt der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, dem Freundeskreis Yad Vashem e. V. und dem Herder Verlag für die Zusammenarbeit an diesem Band.