Vertreterinnen und Vertreter der höchsten demokratischen Institutionen Deutschlands besuchen selten die Stätten, an denen während des Zweiten Weltkriegs die „Aktion Reinhardt“ – die systematische Ermordung von fast zwei Millionen Jüdinnen und Juden – stattfand. Der Besuch der Orte ist jedoch wesentlich, um zu verstehen, wie Bürokratie, Logistik und gesellschaftliche Gleichgültigkeit den Völkermord ermöglichten. Das Projekt „Im Schatten von Auschwitz“, das vom World Jewish Congress (WJC) und der Alfred Landecker Foundation organisiert und von der what matters gGmbH durchgeführt wird, ändert genau dies, indem es kuratierte viertägige Reisen nach Bełżec, Sobibór, Majdanek und in die ehemaligen Transitghettos Izbica und Włodawa anbietet. Am 4. Mai kamen die Teilnehmenden zusammen, um gemeinsam mit Expertinnen und Experten über ihre Erfahrungen zu reflektieren und aktuelle Formen von Antisemitismus zu diskutieren.
In ihrer Eröffnungsrede sprach Lena Altman, Co-CEO der Alfred Landecker Foundation, über einen Ort, der sie im Rahmen der Reise stark beeindruckte: Izbica - der letzte bekannte Aufenthaltsort von Alfred Landecker, Namensgeber der Stiftung. Sie merkte an, dass eine solche Reise selbst für diejenigen, die über umfangreiche Erfahrung mit den Themen verfügen, bleibende Spuren hinterlasse. An einem Ort zu stehen, der kaum noch Spuren des einst blühenden jüdischen Lebens – und des Massenmords, der es ausgelöscht hat – aufweise, sei zugleich bewegend und beunruhigend.
Bella Zchwiraschwili, Leiterin des Berliner Büros des WJC, hob in ihrer Rede hervor, dass die Reise eine seltene Gelegenheit für offenen Austausch bot. Dies wurde durch die Bereitschaft der Gruppen ermöglicht, sich miteinander und mit dem, was sie sahen, offen auseinanderzusetzen. So wurden die Teilnehmenden zu Botschafterinnen und Botschaftern für die Bewahrung der Erinnerung an diejenigen, die während der „Aktion Reinhardt“ ermordet wurden.
Die Reise wirkt nach
Dr. Andreas Kahrs, Gründer und Geschäftsführer der what matters gGmbH, eröffnete seine Überlegungen in Bezug auf die Bildungsreise mit verschiedenen Leitfragen. Zum Beispiel fragte er, ob es im Alltag der Teilnehmenden Situationen gegeben habe, in denen ihnen die Reise oder Aspekte davon wieder in den Sinn gekommen seien, und welcher Moment der Reise den größten Eindruck hinterlassen habe. Viele sprachen von der Schwierigkeit, in den Alltag zurückzukehren: Das Erlebte beschäftigte sie weiterhin, doch es gab kaum Möglichkeiten, jemandem, der nicht dabei war, zu vermitteln, was diese Orte eigentlich bedeuten.
Gleichzeitig haben die Reisen etwas in den Teilnehmenden bewirkt: Die Anwesenden beschrieben ein starkes Gefühl der Verbundenheit und einen gesteigerten Willen zu handeln. Auf die beiden bereits stattgefundenen Reisen folgten neue Treffen und konkrete Initiativen – darunter eine Chanukka-Feier im Bundestag, die direkt aus dem auf der Reise entstandenen Netzwerk hervorging.
Von historischer Ausgrenzung hin zu heutigen Mustern
Der zweite Teil bot den Teilnehmenden einen kurzen historischen Überblick über die wichtigsten Etappen, die schließlich zum Holocaust führten. Antisemitismus muss als ein schrittweiser Prozess verstanden werden. Während des Nationalsozialismus war dieser Prozess zunächst durch die rechtliche Ausgrenzung der Juden und deren gesellschaftliche Normalisierung in den 1930er Jahren geprägt; darauf folgten öffentliche Gewalt und schließlich die letzte Eskalation: die systematische Ermordung von Millionen Jüdinnen und Juden im Schatten des Zweiten Weltkriegs. Dr. Kahrs’ zentrales Argument war, dass Entmenschlichung nicht plötzlich geschieht – sie wird durch schrittweise Entwicklungen zu umsetzbarer Politik, wobei jeder einzelne Schritt normalisiert wird, bevor der nächste beginnt.
Ernest Herzog, Executive Director for Operations beim WJC, betonte, dass sich Antisemitismus selten zuerst in Gewalt zeige. Antisemitismus beginne mit der Sprache – und führe zur Normalisierung und Institutionalisierung des Antisemitismus innerhalb der Gesellschaft. Heute seine Stimme dagegen zu erheben, so merkte er an, berge das Risiko, abgelehnt oder ausgegrenzt zu werden.
Benjamin Steinitz, Geschäftsführer des Bundesverbands RIAS e.V., untermauerte dies mit konkreten Daten: Die Zahl der dokumentierten antisemitischen Vorfälle in Deutschland ist in den letzten Jahren stark gestiegen, mit einer deutlichen Zunahme nach dem 7. Oktober 2023.
Der Normalisierung von Antisemitismus entgegenwirken
Die Abschlussdiskussion brachte Marina Chernivsky, Geschäftsführerin von OFEK e.V., Jessica Lewin, Director of Security beim WJC, und Benjamin Steinitz zusammen, um Antisemitismus in verschiedenen Kontexten zu beleuchten. Marina Chernivsky argumentierte, dass Deutschland Antisemitismus als ein Phänomen des gesellschaftlichen Mainstreams anerkennen müsse.
Die Expertinnen und Experten betonten, dass der Diskurs zwar über Jahrzehnte Gedenkstätten und das Bekenntnis zu „nie wieder“ hervorgebracht, jedoch keinen Fokus auf die direkt betroffenen Menschen gelegt habe. Seit dem 7. Oktober 2023 sei den jüdischen Gemeinschaften der genozidale Charakter von Antisemitismus erneut bewusst geworden. Sie warnten, dass, sobald Menschen entmenschlicht worden seien, diese Schwelle dauerhaft überschritten werden würde.
Darüber hinaus hoben die Panelisten die Verharmlosung und Umkehrung des Holocaust hervor, die sich in der steigenden Anzahl antisemitischer Vorfälle in Gedenkstätten zeige. Sie betonten, dass die Logik des Boykotts so normalisiert worden sei, dass sie bereits zur Verweigerung von Grundrechten führe, wie etwa des Rechts auf eine Hochschulausbildung. Sich von Israel zu distanzieren, biete keinen Schutz, da dies den biologisch-rassistischen Kern des Antisemitismus nicht beseitige.
Ein weiterer Punkt, der in der Diskussion hervorgehoben wurde, waren die technologischen Kräfte hinter antisemitischen Narrativen: Plattformen profitieren derzeit davon, Hass zu verstärken, anstatt ihn einzudämmen, was einen Trickle-down-Effekt erzeugt, der die Gesellschaft mit antisemitischen Inhalten überschwemmt.
Der Abend endete mit einer abschließenden Reflexion und einem informellen Austausch unter den Teilnehmenden.