Anne Applebaum über das autoritäre Drehbuch – und was Demokratien dem entgegensetzen können
Alfred Landecker Memorial Lecture 2026


In ihrer Alfred Landecker Memorial Lecture skizzierte die Pulitzer-Preisträgerin die globale Bedrohung durch ein neues autoritäres Bündnis und rief Demokratien dazu auf, ihre eigenen Stärken neu zu entdecken – und sie strategisch einzusetzen.

Jedes Jahr am Internationalen Holocaust-Gedenktag erinnert die Alfred Landecker Foundation mit einer Memorial Lecture an der Blavatnik School of Government der Universität Oxford an die Befreiung von Auschwitz.

In der diesjährigen Lecture analysierte die Pulitzer-Preisträgerin, Historikerin und Journalistin Anne Applebaum eindrücklich den globalen Aufstieg autokratischer Systeme. Ausgehend von der historischen Erkenntnis, dass die Erosion demokratischer Institutionen den Aufstieg extremistischer Kräfte ermöglicht und liberale Freiheiten sowie Minderheitenrechte untergräbt, liegt Applebaums Vortrag im Kern der Stiftungsmission.

Nach einer Einführung von Ngaire Woods, Dekanin der Blavatnik School of Government, und Lord William Hague of Richmond, Kanzler der Universität Oxford, zeichnete Applebaum ein eindrückliches Bild davon, wie moderne autoritäre Regime zusammenarbeiten, um demokratische Systeme zu unterminieren – und wie Demokratien sich organisieren müssen, um dem wirksam zu begegnen.

Sehen Sie hier die Videoaufzeichnung der Lecture sowie der anschließenden Q&A-Session:


Das neue autoritäre Drehbuch

In ihrem jüngsten Buch Die Achse der Autokraten: Wie Diktatoren sich gegenseitig an der Macht halten (Original: Autocracy, Inc.: The Dictators Who Want to Run the World) argumentiert Applebaum, dass moderne Autokratien – anders als die ideologischen Blöcke des 20. Jahrhunderts – kein Phänomen einzelner starker Männer sind, sondern Netzwerke von Kleptokraten. Diese Regime werden von gleichgesinnten Akteuren getragen, die ihren politischen Einfluss nutzen, um sich selbst zu bereichern.

Ihr Ziel ist es, Macht zu konsolidieren, persönliche Bereicherung zu sichern und die regelbasierte internationale Ordnung zu demontieren, die ihre kleptokratischen Systeme bedroht. Um dies zu erreichen, kooperiert ein nicht-ideologisches Bündnis von Autokraten über nationale Grenzen hinweg. Wie Applebaum in ihrer Lecture formulierte: „Ihre Verbindungen werden nicht durch Ideale gefestigt, sondern durch Deals.“

Gezielt greifen sie demokratische Institutionen an, stellen sie als dekadent und dysfunktional dar und untergraben zugleich jene Sprache und Narrative, die einst die Vorteile der Demokratie vermittelten. Das primäre Ziel dieser autokratischen Netzwerke ist die liberale Demokratie selbst – denn sie steht für Transparenz, Verantwortlichkeit und Rechtsstaatlichkeit - eben alles, was stört, wenn man darauf aus ist seine Macht zu vergrößern und seine Gewinne zu maximieren.


Eine strategische Antwort der Demokratien

Es gebe keinen Grund zu resignieren, appellierte Applebaum und rief Demokratien dazu auf, strategischer, pragmatischer und selbstbewusster zu handeln. Insbesondere Europa müsse aufhören, defensiv zu denken, und stattdessen beginnen, sich als die stärkste demokratische Wirtschaftszone der Welt zu begreifen. Die Europäische Union sei nach wie vor eine „Oase der Sicherheit, der Stabilität und vor allem der Rechtsstaatlichkeit“ – und solle diese Stärke gezielt nutzen.

Die Zukunft, so Applebaum, liege nicht in starren, primär wertebasierten Allianzen, sondern in flexiblen Koalitionen von Mittelmächten, die durch das gemeinsame Interesse an der Lösung konkreter Probleme verbunden sind. Indem Europa in Verteidigung, Technologie, Künstliche Intelligenz und finanzielle Transparenz investiert, könne man Kapital und Talente anziehen und sich als glaubwürdige demokratische Alternative zu autoritären Systemen positionieren.

Footnotes
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Die Krise der Demokratien überwinden

Abschließend wandte sich Applebaum der inneren Krise der Demokratien zu. Wachsende sozio-ökonomische Ungleichheit und die Fragmentierung der Öffentlichkeit identifizierte sie als zentrale Schwachstellen. Damit Demokratien funktionieren können, brauchen sie Informationssysteme, die Fakten gegenüber Fiktion begünstigen. Es müssten technologische Angebote entwickelt werden, so Applebaum, die Raum für Konsens und kritisches Denken schaffen – statt vor allem Wut und Empörung zu verstärken.

Um den Menschen eine positive Zukunftsvision zu bieten, müssten Entscheidungsträger die Idee der Demokratie wieder stärker mit dem Alltag der Menschen verbinden und sie überzeugender gegenüber der eigenen Öffentlichkeit vertreten. Rechtsstaatlichkeit, unabhängige Gerichte und der Respekt vor Wissenschaft gehören zu einem attraktiven Angebot, das nicht nur für Europa, sondern für hochqualifizierte Menschen weltweit Anziehungskraft besitzt.

Das wirksamste Narrativ, so ihr Fazit, sei kein abstrakter Diskurs, sondern ein Fokus auf Fairness, Machtteilung und Gemeinschaft. Soll diese demokratische Erneuerung gelingen, dann brauche es eine neue Form von Führung und Selbstvertrauen, das ausgerichtet ist auf Kooperation und das Erreichen gemeinsamer Ziele -gestützt durch ein Informationsökosystem, das eine sachliche Debatte ermöglicht.


Mehr über die Alfred Landecker Memorial Lecture hier.

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