Im Gespräch blickt er auf fünf Jahre Forschung zurück und spricht darüber, was sich am Beispiel der HASAG über Verantwortung und Handlungsspielräume im Nationalsozialismus lernen lässt, wie die Digitalisierung historische Forschung verändert und warum die öffentliche Vermittlung von Geschichte dabei eine zentrale Rolle spielt.
Die Veröffentlichung der digitalisierten NSDAP-Mitgliederkartei hat ein großes öffentliches Interesse ausgelöst. Was sagt diese Resonanz darüber, wie sich Menschen heute mit der NS-Zeit auseinandersetzen wollen und welche Rolle kann historische Forschung dabei spielen?
Martin Clemens Winter: Ein Teil des „Hypes“ war sicherlich der technischen Seite geschuldet: Es ging ja nicht darum, dass diese Unterlagen bis dato nicht zugänglich waren, sondern um das (irreführende) Versprechen, von zu Hause aus, vielleicht einfach am Smartphone, mit wenigen Klicks und unterstützt durch KI eine Familienrecherche zu betreiben. Zugleich stand die NS-Belastung der Vorfahren im Mittelpunkt und das zeigt, dass der Nationalsozialismus weder auserzählt noch ausgeforscht ist. Historiker*innen müssen Potenziale, aber auch Probleme der neuen digitalen Möglichkeiten ausloten und benennen. Unsere Kernkompetenz – die Quellenkritik – scheint wichtiger denn je, denn eine erhöhte digitale Verfügbarkeit erfordert auch Expertise und Kontextualisierung. Nicht zuletzt müssen wir aber auch immer wieder darauf hinweisen, dass der allergrößte Teil historischer Quellen nicht digital im Internet verfügbar ist, sondern als Papier in den Archiven liegt.
Seit 2021 sind Sie Alfred Landecker Lecturer. Im Zentrum Ihrer Arbeit steht die Geschichte des Rüstungskonzerns HASAG. Was lässt sich an diesem konkreten Beispiel über Verantwortung, Beteiligung und Handlungsspielräume im Nationalsozialismus lernen?
MCW: Die HASAG war der größte Rüstungskonzern Sachsens und mit seinen zahlreichen Zweigwerken, unter anderem im besetzten Polen, Arbeitsplatz für zehntausende Menschen. Mehr als die Hälfte von ihnen waren Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. An so einem Unternehmen lässt sich beobachten und beschreiben, wie sich der Nationalsozialismus im Arbeits- und Betriebsalltag verdichtete. Das reicht von der allgegenwärtigen Propaganda und vergemeinschaftenden Angeboten für die Deutschen ab den 1930er Jahren über die Allgegenwart von ausbeuterischer Zwangsarbeit bis zur Involvierung einfacher Unternehmensangehöriger in Verbrechen gegen Jüdinnen und Juden sowie letztlich in den Holocaust. Der Blick auf dieses Unternehmen bündelt also Fragen von „volksgemeinschaftlicher“, oder hier: „betriebsgemeinschaftlicher“ Inklusion und Exklusion sowie verschiedene NS-Verfolgungskomplexe. Wie breit die Handlungsspielräume selbst im berüchtigten „Werkschutz“ der HASAG waren, zeigt beispielsweise die Tatsache, dass nach dem Krieg einige ehemalige Angehörige wegen NS-Verbrechen vor Gericht standen – ein anderer aber von Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ ausgezeichnet wurde.
Historische Forschung besteht oft aus langwieriger Arbeit mit verstreuten und lückenhaften Quellen. Wie gelingt es, daraus Erkenntnisse zu gewinnen, die auch für eine breitere Öffentlichkeit relevant und verständlich sind?
MCW: Für Historikerinnen und Historiker ist fast jede Quelle spannend. Diese Begeisterung können wir auch an andere weitergeben. Dafür muss man aber erklären, was genau uns an den Dokumenten und den Themen, die wir mit ihnen erforschen, interessiert. Wenn wir benennen, was man daran lernen kann und Brücken zur heutigen Zeit aufzeigen; wenn wir aber auch widersprüchliche Befunde, Lücken und eigene Fragezeichen transparent machen, ist das gute Wissenschaftskommunikation. Und die trifft bei einer interessierten Öffentlichkeit meist auf offene Ohren und viel Interesse.
Als Lecturer verbinden Sie wissenschaftliche Forschung mit öffentlicher Vermittlung, unter anderem über den Blog „Das HASAG-Puzzle“, Podcasts, Vorträge und die Zusammenarbeit mit Gedenkstätten. Was verändert sich, wenn Forschung von Anfang an öffentlich begleitet wird?
MCW: Es gab von Anfang an großes Interesse und viel Resonanz. Das bestätigt die Relevanz des Themas und motiviert ungemein. Zugleich ist die Präsentation von Zwischenergebnissen, das Aufzeigen von Quellen- oder Wissenslücken während des eigenen Forschungsprozesses auch etwas riskant. Aber das bekannte „Vetorecht der Quellen“ steht ja auch dafür, dass unsere Erkenntnisse letztlich immer fragil sind. Einer meiner Studierenden hat beispielsweise bei der Arbeit an den Quellen an einem Ort noch mehr ehemalige HASAG-Gebäude gefunden, als ich vorher auf dem Blog beschrieben hatte. Das ist doch toll; er hat dann einen eigenen Beitrag verfasst, der meinen Stand korrigiert und erweitert hat.
Wenn viele Leute wissen, woran man arbeitet, ist das ungemein hilfreich – es kommt zum Austausch und der gemeinsamen Vermehrung des Wissens. Besonders bewegend ist natürlich der Kontakt mit Überlebenden der NS-Verbrechen bei der HASAG und ihren Familien oder Angehörigen der Opfer. Einige sind auf mein Projekt aufmerksam geworden und haben sich bei mir gemeldet. Wenn ich ihnen mit meinen Erkenntnissen ein wenig helfen kann, ist das etwas ganz Besonderes. Und ihre Familiengeschichten bringen auch für mich immer neue Perspektiven ein.
Gab es in den vergangenen fünf Jahren eine Entdeckung, eine Begegnung oder eine Reaktion aus der Öffentlichkeit, die Ihren Blick auf Ihre eigene Arbeit nachhaltig verändert hat?
MCW: Da gab es viele – darunter auch einige, über die ich hier nicht sprechen kann, weil sehr persönliche Schicksale damit verbunden sind. Prägend war auf jeden Fall, dass ich Estare Weiser, die 1945 im Leipziger KZ-Außenlager der HASAG geboren wurde, mit ihrer Familie bei ihrem ersten Besuch in Leipzig kennenlernen durfte. Auch nach unserer gemeinsamen Veranstaltung sind wir noch in regelmäßigem Kontakt. Die Begegnung zeigte mir, wie die von Leipzig aus geplanten und durchgeführten NS-Verbrechen Familien weltweit prägen – über Generationen hinweg, bis heute.
Als zweites will ich auch die Exkursion nach Polen ansprechen: mit den Studierenden gemeinsam diese Orte zu entdecken, hat mein Verständnis des dort Geschehenen ungemein geschärft. Das wird sich auch im Buch wiederfinden. Zugleich war die Reise für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine wichtige Erfahrung und ein Ansporn, sich tiefer mit den NS-Verbrechen auseinanderzusetzen. Das habe ich im Nachgang mehrfach gehört und es ist sehr bestärkend für die Arbeit und das Format.
Mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus verändert sich die Erinnerungskultur: Die Zahl der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nimmt ab, zugleich werden immer mehr Quellen digital zugänglich. Wie verändert das die Arbeit von Forschenden?
MCW: Das schon länger benannte Abtreten der Generation der Überlebenden der NS-Verbrechen ist ein großer Verlust. Bald wird es Historikerinnen und Historiker geben, die keine „Zeitzeuginnen“ und „Zeitzeugen“ mehr kennenlernen konnten und das kann auch deren Umgang mit Geschichte verändern. Allerdings haben die Kinder und Enkel der Überlebenden auch viele Fragen – zum Beispiel an Gedenkstätten – und bringen zugleich wichtige und bewegende Familiengeschichten, aber auch persönliche Dokumente oder Fotos als neue Quellen mit. Dieser Austausch zwischen Expertinnen und Experten und Menschen, die auf einer persönlichen Ebene betroffenen sind, nimmt nach meiner Wahrnehmung nicht ab, sondern eher zu.
Digitalisierung erleichtert Vieles, bringt aber auch die benannten Herausforderungen von Quellenkritik und -auswahl mit sich. Nutzerinnen und Nutzer, auch wir Historikerinnen und Historiker, verbringen immer weniger Zeit vor Ort in den Archiven – gleichzeitig steigen dort die Anfragen. Natürlich ist es bequem, mit vielen Digitalisaten arbeiten zu können und mitunter auf aufwendige Reisen zu verzichten. Aber ich erinnere mich auch gerne an den Moment, in dem mich die freundliche Leiterin in einem kleinen regionalen Archiv mit den Worten begrüßte: „Ich habe hier noch neue Akten für sie, die sind bei uns noch gar nicht verzeichnet, die lege ich Ihnen mit raus.“ Das gibt es nur offline.
Ihre Forschungsergebnisse sollen in einem Buch zusammengeführt werden. Was möchten Sie damit über die Fachwelt hinaus zur weiteren Auseinandersetzung mit der NS-Zeit beitragen?
MCW: Die Einbindung von Wirtschaftsunternehmen in die NS-Herrschaft und ihre Beteiligung an Verbrechen wie der Zwangsarbeit ist ja immer wieder Thema, auch in der öffentlichen Debatte. Am Beispiel der HASAG werden Leserinnen und Leser erfahren, wie der Nationalsozialismus nicht nur die Unternehmensführung, sondern auch den Alltag der „Betriebsgemeinschaft“ geprägt hat. Es wird auch ein Beitrag zur Diskussion darüber, wie sich „ganz normale Deutsche“ damals verhalten haben – inmitten allgegenwärtiger Ausbeutung bis hin zum Massenmord in den HASAG-Werken im besetzten Polen. Das dortige firmeneigene Lagersystem; generell die Einbettung von Privatunternehmen in die deutsche Besatzungs- und Vernichtungspolitik ist bisher in der Forschung wenig beleuchtet worden und in der Öffentlichkeit noch weniger bekannt. Nicht zuletzt wird das Buch auch zeigen, welche Spuren die HASAG und ihre NS-Verbrechensgeschichte bis heute hinterlassen haben.