Anke Büttner, Leiterin der Monacensia, eröffnete den Abend mit einer Begrüßung der Gäste im Hildebrandhaus. In ihrem Grußwort würdigte auch die 2. Bürgermeisterin der Landeshauptstadt München, Mona Fuchs, das Projekt als wichtigen Bestandteil des kulturellen Erbes der Stadt.
Lena Altman, Co-CEO der Alfred Landecker Foundation, beschrieb Rachel Salamander in ihrem Grußwort als eine beeindruckende „Macherin“, die nicht nicht gewartet habe, dass Institutionen Räume schaffen, sondern selbst Räume für jüdische Gegenwart in Deutschland geschaffen und sichtbar gemacht habe. Salamander sei ein „intellektuelles Powerhouse“, dem seit Jahrzehnten der „Balanceakt zwischen einer spezifisch jüdischen Perspektive und den großen Fragen dieser Gesellschaft“ gelinge.
Besonders hob Altman die sogenannte „Rote Sammlung“ hervor, die sie als „intellektuelles Protokoll der Gegenwart“ beschrieb. Anhand zentraler innerdeutscher und deutsch-jüdischer Debatten der Bundesrepublik - von der Walser-Rede bis zur Bühnenbesetzung in Frankfurt - werde sichtbar, wie eng Literatur, politische Haltung und gesellschaftliche Auseinandersetzung miteinander verbunden seien. Die Sammlung dokumentiere diese Diskussionen nicht aus archivischer Distanz, sondern aus unmittelbarer Teilnahme am öffentlichen Gespräch. „Da kribbelt’s beim Blättern“, so Altman.
Die Förderung des Projekts durch die Alfred Landecker Foundation verstehe sich deshalb als „tiefe Verneigung vor Rachel Salamander als Pionierin jüdischer Kultur in Deutschland“ und zugleich als Anerkennung ihres Lebenswerks. Altman betonte darüber hinaus die gesellschaftspolitische Bedeutung kultureller Orte wie der Monacensia. Diese seien „kein Luxus“, sondern essenzielle „demokratische Infrastruktur“, die gerade in Zeiten öffentlicher Kürzungen Unterstützung brauche.
Das Archiv als Flaschenpost für die Zukunft
Der Historiker Dan Diner würdigte das in der Monacensia etablierte „Archiv Salamander“ als dauerhaften Ort für das jüdische Literatur- und Kulturgedächtnis Deutschlands nach 1945. Die von Rachel Salamander über Jahrzehnte geführte „Literaturhandlung“ beschreibt er als ein „Denk- und Mahnmal in Gestalt eines Hauses aus Büchern“, das vertriebenen und ermordeten jüdischen Literaten und Literatinnen innen gewidmet gewesen sei.
Für Diner wurde die Literaturhandlung zu einem „kulturellen Kraftzentrum“, das jüdisches Denken und jüdische Stimmen wieder sichtbar machte. Entscheidend seien dort nicht allein Bücher als Ware gewesen, sondern die Vermittlung von Ideen, Debatten und Gesprächen. „Nicht die Ware Buch galt es anzupreisen, sondern Texte. Salamanders Mission war es, Literaturen zu verbreiten, zentral war der Inhalt.“
Die Archivierung dieses Bestandes markiere für Diner zugleich das Ende einer spezifischen bundesrepublikanischen Epoche. „Neben der chronisch gewordenen Krise eines über Jahrzehnte Stabilität bietenden Parteiensystems scheint am politischen Horizont bereits ein Wetterleuchten eine drohende Verfassungskrise anzukündigen.“ Er beschreibt das nun öffentliche Archiv Rachel Salamanders als eine „in unergründliche, bewegte Wasser geworfene Flaschenpost“, aus deren Geist zukünftiges Wissen für eine bessere Zukunft entstehen könne. Die gesamte Rede von Dan Diner kann in der Süddeutschen Zeitung nachgelesen werden.
Die Ausstellung „Literatur & Haltung. Rachel Salamanders Archiv“ ist bis zum 31. März 2028 in der Monacensia im Hildebrandhaus zu sehen. Hier geht es zur digitalen Ausstellung im Mon Mag der Monacensia.