Verschobene Allianzen, wachsende Herausforderungen
Europäische Sicherheit und transatlantische Beziehungen in einer veränderten geopolitischen Ordnung


Im Rahmen der gemeinsamen Initiative „FutureScape“ der Alfred Landecker Foundation und des German Marshall Fund kamen führende Expertinnen und Experten zusammen, um über die Zukunft der europäischen Sicherheit in einer Zeit tiefgreifender geopolitischer Veränderungen zu diskutieren. Moderiert wurde die Veranstaltung von Silke Mülherr, Co-CEO der Alfred Landecker Foundation. Auf dem Podium diskutierten die ehemalige hochrangige US-Geheimdienstmitarbeiterin Beth Sanner, die Politikwissenschaftlerin Prof. Monika Sus sowie der Journalist Dr. Marcus Pindur darüber, wie Deutschland und Europa auf sich wandelnde Allianzen und zunehmende globale Herausforderungen reagieren können.

Die Diskussion begann mit einer klaren Diagnose: Langjährige Grundannahmen über das transatlantische Bündnis gelten nicht mehr. Beth Sanner beschrieb die US-Außenpolitik unter Donald Trump als stark personalisiert und strategisch wenig kohärent. Entscheidungen folgten weniger einem konsistenten Rahmen als vielmehr innenpolitischen Dynamiken und individuellen Impulsen. Diese Entwicklung hat weitreichende Konsequenzen für Europa. Teile der aktuellen US-Politik betrachten die Europäische Union zunehmend weniger als Partner denn als Wettbewerber.

 

Europa zwischen Abhängigkeit und Eigenständigkeit

Aus europäischer Perspektive betonte Monika Sus, dass die Erosion amerikanischer Sicherheitsgarantien Europa dazu zwingt, mehr Verantwortung für die eigene Sicherheit zu übernehmen. Zwar stehen inzwischen größere finanzielle Mittel für Verteidigung zur Verfügung, doch die zentrale Herausforderung liegt darin, diese in tatsächliche Fähigkeiten zu übersetzen.

Gleichzeitig stellte sie fest, dass sich die Bedrohungswahrnehmung in Europa zunehmend angleicht. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und weitere geopolitische Spannungen haben viele europäische Staaten enger zusammengeführt. Ob sich dieses gemeinsame Problembewusstsein jedoch in koordiniertes Handeln übersetzen lässt, bleibt offen.

Deutschlands Rolle: Erwartungen und Realität

Marcus Pindur richtete den Blick auf die Rolle Deutschlands in Europa. Er argumentierte, dass die langjährige sicherheitspolitische Abhängigkeit von den USA zur heutigen Situation beigetragen habe. Über Jahrzehnte hinweg hätten europäische Staaten zu wenig in ihre eigene Verteidigung investiert und sich auf die Stabilität des transatlantischen Rahmens verlassen.

Zwar habe Deutschland seit der ausgerufenen Zeitenwende deutliche Fortschritte gemacht – etwa durch steigende Verteidigungsausgaben und eine veränderte öffentliche Meinung, doch bestehen weiterhin erhebliche Defizite. Insbesondere fehle es an strategischer Klarheit im Umgang mit Russland. Viele politische Akteure unterschätzten nach wie vor den langfristigen Charakter der Bedrohung und die weiterreichenden Ambitionen der russischen Führung.

Gleichzeitig hob Pindur hervor, dass das Bewusstsein in der Bevölkerung für sicherheitspolitische Herausforderungen deutlich gewachsen sei. Die Unterstützung für die Ukraine und für höhere Verteidigungsausgaben ist gestiegen – ein Hinweis darauf, dass die Gesellschaft möglicherweise weiter ist als Teile der politischen Führung.

 

Auf dem Weg zu einem neuen strategischen Denken

Ein wiederkehrendes Motiv der Diskussion war die Notwendigkeit eines grundlegenden Perspektivwechsels. Wie Beth Sanner betonte, können sich Europäerinnen und Europäer nicht länger auf die Annahmen verlassen, die die transatlantischen Beziehungen über Jahrzehnte geprägt haben. In einem geopolitischen Umfeld, das zunehmend von einer personalisierten und weniger kohärenten US-Außenpolitik geprägt ist, werden Allianzen flexibler und transaktionaler. Anstatt vergangenen Gewissheiten nachzutrauern, müsse Europa lernen, sich mit größerer strategischer Klarheit und Selbstsicherheit in dieser neuen Realität zu bewegen.

Monika Sus machte deutlich, dass die Stärkung europäischer Handlungsfähigkeit mehr erfordert als höhere Verteidigungsausgaben allein. Neben dem Aufbau militärischer Fähigkeiten müsse Europa die Fragmentierung seiner Verteidigungsinvestitionen überwinden und größere „mentale Autonomie“ entwickeln – also die Fähigkeit, strategisch unabhängig von den USA zu denken und zu handeln. Dies sei möglicherweise noch schwieriger als die finanzielle Dimension der Verteidigungspolitik.

Die Sprecherinnen und Sprecher unterstrichen zudem, dass glaubwürdige Abschreckung mehr verlangt als politische Erklärungen. Eine widerstandsfähige Ukraine, die sich selbst verteidigen kann, bleibt zentral für die europäische Sicherheit und die Abschreckung weiterer russischer Aggressionen. Gleichzeitig könnten sichtbare Spaltungen innerhalb Europas oder über den Atlantik hinweg diese Glaubwürdigkeit untergraben. Marcus Pindur betonte die Notwendigkeit einer realistischeren europäischen - und insbesondere deutschen – Russlandstrategie sowie einer ehrlicheren öffentlichen Debatte über Bedrohungen und sicherheitspolitische Verantwortung.

Die Panelistinnen und Panelisten waren sich einig, dass diese Herausforderungen letztlich politische Führung erfordern: Führungspersönlichkeiten, die strategische Interessen benennen, schwierige Realitäten gegenüber ihren Gesellschaften kommunizieren und die Zusammenarbeit innerhalb Europas stärken.

Die Diskussion verdeutlichte die zentralen Fragen, denen das FutureScape-Projekt nachgeht: Wie kann Europa sich in einer zunehmend fragmentierten und umkämpften Welt behaupten? Auch wenn die Antworten darauf weiterhin im Entstehen sind, kristallisierte sich bereits heraus, dass der Weg nach vorn mehr europäische Eigenständigkeit sowie eine Neuausrichtung der transatlantischen Zusammenarbeit erfordert.

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