„Ich lebe.“ In diesen zwei Worten verdichtet sich die Botschaft vieler erster Briefe, die Holocaust-Überlebende nach ihrer Befreiung an Angehörige und Freunde schrieben. Es waren persönliche Lebenszeichen, verbunden mit drängenden Fragen: Wer hat überlebt? Wo waren die Menschen, nach denen sie suchten? Wer würde noch antworten können? Viele der Schreibenden wussten nicht, ob diejenigen, an die sie sich wandten, überhaupt noch lebten.
Der Band „Nach so viel Schmerz und Pein – Erste Briefe nach dem Holocaust“ versammelt solche Zeugnisse aus der unmittelbaren Zeit nach der Befreiung. Anders als später entstandene Erinnerungsberichte waren die Briefe nicht für ein öffentliches Publikum bestimmt. Die Schreibenden selbst entschieden, was sie in diesem Moment mitteilen wollten: dass sie überlebt hatten, wen sie vermissten und nach wem sie noch suchten.
Eine Lesung zwischen Erinnerung und Gegenwart
Clemens Schick und Bibiana Beglau lasen an dem Abend ausgewählte Briefe aus dem Band und machten die persönlichen Schicksale der Verfasserinnen und Verfasser für das Publikum unmittelbar zugänglich. Der Klarinettist Nur Ben Shalom und die Violinistin Francesca Zappa begleiteten die Lesung musikalisch.
Unter den vielen Gästen war auch die Holocaust-Überlebende Eva Szepesi, die zu den rund 400 Kindern gehörte, die die Haft in Auschwitz überlebt haben.
Marc Grünbaum, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Sohn von Holocaust-Überlebenden, schilderte, wie die Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden auch in den folgenden Generationen nachwirkte. Er sprach über die Resilienz seiner eigenen Eltern, darüber, was in seiner Familie besprochen wurde und was unausgesprochen blieb.
In ihrer Keynote richtete Dr. Melody Sucharewicz den Blick auf die Gegenwart. Sie erinnerte an den Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 und dessen Folgen für jüdische Menschen. Sucharewicz beschrieb, wie der Angriff bei vielen Jüdinnen und Juden tief verwurzelte Ängste erneut auslöste. Dabei grenzte sie die Ereignisse ausdrücklich historisch voneinander ab: Die Schoah und der 7. Oktober seien nicht gleichzusetzen.
Im anschließenden Gespräch diskutierte sie mit dem Yad Vashem-Historiker und Mitherausgeber des Bandes Dr. Robert Rozett über die Möglichkeiten und Grenzen der Holocaust Education. Dabei ging es auch um die Frage, warum historisches Wissen allein nicht vor antisemitischen Einstellungen schützt und welche Verantwortung sich daraus für die Auseinandersetzung mit Antisemitismus heute ergibt.
Die Bedeutung der Briefe für die Erinnerungskultur
Für die Alfred Landecker Foundation hat die Veröffentlichung der Briefe auch eine besondere persönliche und institutionelle Bedeutung.
Lena Altman, CEO der Stiftung, betonte, warum die Alfred Landecker Foundation das Projekt unterstützt: Die Briefe bewahren die Stimmen der Überlebenden und erinnern zugleich an diejenigen, denen jedes weitere Lebenszeichen genommen wurde. Alfred Landecker wurde 1942 von Mannheim in das Transitghetto Izbica im besetzten Polen deportiert. Von dort stammt sein letztes erhaltenes Lebenszeichen: ein Brief an seine Kinder, in dem er sie um Lebensmittel bat. Einen Brief nach der Befreiung konnte er nicht mehr schreiben.
Alfred Landeckers Geschichte ist für die Stiftung zugleich Auftrag, die Erinnerung wachzuhalten und ihre Bedeutung für die Gegenwart zu vermitteln. Dazu gehören auch die von der Stiftung organisierten Bildungsreisen nach Polen mit whatmatters und dem World Jewish Congress (WJC). Sie führen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus dem Deutschen Bundestag, der öffentlichen Verwaltung und der Polizei an historische Orte der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung – darunter Izbica. Die Begegnung mit diesen Orten soll das Bewusstsein für die Verantwortung stärken, jüdisches Leben heute zu schützen und Antisemitismus entgegenzutreten.
Der Abend in Frankfurt hat gezeigt, welche Bedeutung und Wirkung diese persönlichen Zeugnisse auch mehr als 80 Jahre nach dem Ende des Holocaust haben. Sie machen individuelle Schicksale greifbar und eröffnen zugleich einen Raum für die Auseinandersetzung mit jüdischer Erinnerung, Trauma und Resilienz bis in die Gegenwart.